Literaturcamp in Bonn

Am Anfang des Frühlings einige Monate zurück zu spulen, um im Herbst des letzten Jahres zu landen ist schon etwas merkwürdig. Es war jedoch in jenem Herbst, genauer gesagt auf dem BarCamp Köln, als wohl die Idee aufkam. Zumindest ich hörte zum ersten Mal von einem Literaturcamp in Bonn. Durch die üblichen Überschneidungen nahm ich dann an der dazugehörigen Session nicht teil.

Geschichten am Lagerfeuer

Das Format BarCamp kenne ich bereits etwas länger, zu recht unterschiedlichen Themen. Literatur fehlte bisher. Dabei sprachen ein Mit-Pendlerin im Zug und vor drei Jahren selber über eine ähnliche Veranstaltung. Wir kannten uns vom NaNoWriMo und teilten die Überzeugung, dazu selber mal ein BarCamp zu stemmen. Allerdings ist so was mit ziemlich organisatorischen Aufwand verbunden, so dass wir vor der Umsetzung letztendlich zurückschreckten. An dieser Stelle daher schon mal ein respektvolles Dankeschön an die Organisatorinnen, die das Literaturcamp in Bonn auf die Beine gestellt haben.

Impressionen vom Literaturcamp in Bonn
Der Ablaufplan

Erneutes Aufeinandertreffen

Anfang Februar hörte, nein las, ich dann wieder vom Literaturcamp. Kurzentschlossen kaufte ich dann ein Ticket, ohne zu wissen, auf was ich mich da einlassen würde. Wobei das typisch für BarCamps ist. Wirklich sicher ist bei so was erstmal nur das Datum der Veranstaltung. Sagt man sehr früh zu, kann, bis es so weit ist, noch eine Menge passieren. Oder wie man so schön sagt, eine Menge Wasser den Rhein herunterfließen. Trotzdem freute ich mich bereits im Februar auf das Literaturcamp in Bonn, denn eigentlich ist die Literatur das BarCamp Thema schlechthin. Man sitzt am Lagerfeuer und erzählt sich Geschichten, das hat etwas von der ursprünglichen Idee des Formats.

Tag der Anreise

Wie immer bei Veranstaltung an einem Wochenende sinkt meine Motivation zur Teilnahme unmittelbar davor stark ab. Nach für anstrengenden Arbeitstagen möchte ich im Wohnzimmer sitzen und die Wand anstarren, auch wenn draußen herzliches Wetter lockt. Nach mindestens einem halben Liter Tee ging es dann wieder aufwärts und den Schwung nutzend schleppte ich mich zum Bahnhof in Köln. In Kopie hatte ich noch, bequem mit dem EuroCity nach Bonn zu fahren, mich in einem der Sitzplätze zu lümmeln und ein paar Seiten zu lesen. Gelesen habe ich tatsächlich bis nach Bonn, allerdings im stehen. Völlig entgangen war mir, um was für einen Samstag es sich am 8. April 2017 handelte. Ein Samstag unmittelbar nach Beginn der Osterferien. Ohne Platzreservierung hat man im Fernverkehr verloren.

Im Stehen lesen

Nicht zum ersten Mal freute ich mich über den Umstand, die aktuelle Lektüre als eBook erworben zu haben. Die über 1300 Seiten  des Romans „4 3 2 1“ von Paul Auster sind ein Gewicht für sich. Für Pendler bietet es sich ebensowenig an wie für diejenigen, die im Stehen versuchen da Buch zu lesen. Als Mordwaffe allerdings wäre der Roman hervorragend.
Aber eigentlich ist Austers neuestes Werk ein Notbehelf. Lesen wollte ich es in diesem Jahr erst im Sommer. Der Umstand, dass meine eigentliche Lektüre zu spät gelieferte wurde, machte mir später auf dem Literaturcamp in Bonn die Vorstellungsrunde etwa einfacher. Es kann Einbildung sein, aber wenn man als Deutscher sagt, man würde „Ypres 1914-15“ von Will Fowler lesen, meine ich man käme in Erklärungsnot. Das ist aber jetzt ein anderes Thema und würde an dieser Stelle wohl zu weit führen, darauf näher einzugehen.

Check-In auf dem Literaturcamp in Bonn

Wie immer, wenn der Zug am Bahnhof in Bonn hält und ich meine Füße auf den Boden setze, ist es sofort da. Dieses Bonner Gefühl, trotz Baustellen und Lärm. Bonn ist anders, war immer schon anders. Seit dem ich Bonn auch noch mit dem Beginn des Rheinsteigs verbinde, ist es mir sogar noch sympathischer als es früher schon war.
Zum Schlendern durch die Innenstadt blieben mir jedoch nur wenige Minuten, denn der Fußweg vom Bahnhof zur VHS, dem Veranstaltungsort, war angenehm kurz.
Dem obligatorischen Check-In folgte ein Unfall mit Kaffee. Dabei hätte ich ahnen können, dass es sich bei der weißlichen Flüssigkeit um ein Sojaprodukt handelt. Von Milch mag ich hier nicht reden. Wirklich, ich finde Soja im Kaffee extrem widerwärtig und will mich an so was auch nicht gewöhnen. Im Übrigen wäre das jetzt meinerseits bereits der erste und auch einzige wirkliche Kritikpunkt am Literaturcamp in Bonn. Bitte beim nächsten Mal die Kannen beschriften als kleine Vorwarnung.

Die Vorstellungsrunde

Alte BarCamp Hasen kennen es und auch mir war klar, was zu Beginn der allermeisten Veranstaltungen dieses Formats auf die Teilnehmer zukommt. Selbst Neuling, was gefühlt der überwiegende Teil der Teilnehmer auf dem Literaturcamp in Bonn waren, hätten es ahnen können. Wie heisst es so schön: wer lesen kann ist klar im Vorteil. Wer zu einem Literaturcamp kommt, sollte zumindest diese Kulturtechnik mehr als ausreichend beherrschen. Am letzten Mittwoch hatte Ursula (ich nehme jetzt mal das BarCamp-Du) in ihrer E-Mail drauf hingewiesen. Das Stahlgewitter namens Vorstellungsrunde. Für Schüchterne genau so wie für begnadete Selbstdarsteller eine Herausforderung. Die Einen müssen in ungewohnt großer Runde ein paar Sätze über sich sagen, die Anderen sich auf wenige Sätze beschränken. Zumindest gab es bereits vorab eine klare Ansage, was erwartet wurde.

Meine drei Hashtags sind…

Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer sollte sich kurz mit Namen vorstellen und drei Sätze vervollständigen:

  • Literatur interessiert mich, weil…
  • Ich lese gerade…
  • Mich beschäftigt gerade…

Um nicht spontan in Panik zu verfallen, gab mir die Vorabinformation die Chance, mich vorzubereiten. Mich persönlich interessiert Literatur, weil sie rezeptfrei ist. Die legale Flucht in andere Welten, die Auseinandersetzung mit anderen Leben — ob real oder fiktional. In ähnliche Richtung gingen auch viele andere Antworten.
Das ich „4 3 2 1“ von Paul Auster zu Zeit lese, hatte ich bereits weiter oben erwähnt. Auch warum ich das Buch lese.
Wie einige andere auch beschäftigt mich eigentlich immer eine ganze Menge sehr unterschiedliche Dinge. Permanent mein Blog, wie könnte es auch anders sein. Gerade aktuell aber auch wieder Scrivener, nicht nur als Software für Romanautoren. Wobei ich zu Scrivener vermutlich selber eine Session hätte anbieten sollen.

Warum die Vorstellung wichtig ist

Natürlich muss ich Sven ein Stück weit Recht geben. Bei über 100 Menschen kann man sich wirklich nicht alles merken, es sei denn man verfügt über eine Inselbegabung (das greife ich später noch mal auf). Sich alles zu merken, darum geht es auch gar nicht. Unser Gehirn leistet nämlich erstaunliche Dinge und sortiert für uns mittels Schubladen.

„Moment, der liest den gleichen Roman, den könnte ich doch mal…“
„Sich mit so einem Thema zu beschäftigen, völlig abwegig…“

Die Vorstellungsrunde weckt Neugier und vermittelt ein Gesamtbild. Wenn man mehr wissen will, muss man auf den Menschen zugehen und jeder trägt ja seinen Hashtags am Band mit sich herum. Für mich ist ein BarCamp ohne Vorstellungsrunde kein richtiges BarCamp. Daher gehört sie auch zum Literaturcamp in Bonn einfach mit dazu. Für Lacher kann so eine Vorstellungsrunde auch sorgen, wenn sich zwei Personen vorstellen und da gleiche Buch nennen, welche sie gerade lesen und die dritte Person in der Reihe sagt, sie wäre der Autor zu dem Buch.

Die erste Session

Mit der für BarCamps üblichen leichten Verspätung folgten auf die disziplinierte Sessionsplanung die ersten Sessions. Ich für meinen Teil blieb praktischerweise im großen Saal und hörte etwas zum Thema Figurenentwicklung an. Momentan für mich eher weniger relevant, kann man theoretisch aber immer wieder gebrauchen. Danke an Michael für die Auffrischung. Vielleicht die einzige Schwäche im Vortrag war die für meinen Geschmack zu große Fixierung auf Genre-Literatur. Ich hege nach wie vor den Verdacht, dass die Regeln für die Entwicklung von Figuren nicht auf die gesamte Literatur übertragbar ist. Aber wie heisst es so schön, nur wer die Regeln kennt, kann sie auch bewusst brechen.

Die zweite Session

Auch wenn sich das BarCamp eigentlich im Kern um Literatur drehen sollte, so gehörte für mich persönlich die zweite Session zu den Highlights. Sie dreht sich nämlich um WordPress, genauer gesagt um das SEO-Plugin Yoast. Jenem Plugin, was mich beruflich und privat seit etwas über einem Monat beschäftigt.
Da ich Britta bereits von anderen BarCamps her kannte und ehedem der Meinung bin, selbst bei mir bekannten Themen immer etwas neues dazu lernen zu können, nahm ich an ihrer Session teil. Siehe da, ein paar Optionen von Yoast waren mir wirklich noch nicht so bekannt, zudem schaffte es Britta, die so genannte „Übergangswörter“ zu erklären. Direkt Brauchbarkeit der Session für den eigenen Blog: 100 Prozent.

Mittagspause mit Brezel

Einen Session mehr und dafür keine Mittagspause — mit so einer Forderung wäre ich vermutlich dem Literaturcamp in Bonn allein auf weiter Flur gewesen. Viele wollen Netzwerken und nicht jeder kommt ohne etwas zu essen über die Runden — mir reicht eigentlich etwas ausreichend zu trinken. Mehr aus Langeweile und Verlegenheit kaute ich an einer Brezel herum und starrte auf die beiden Bords mit den weiteren Sessions.
Bei WordPress war ich schon gelandet, also konnte ich das auch im Anschluss weiter vertiefen. Jedes Manuskript will zum Buch werden und ein Plugin, mit dem sich mit Hilfe von WordPress quasi nebenbei ein Buch erstellen lässt, klingt vielversprechend.

Die dritte Session

Von der Session hatten sich noch eine Reihe weiterer Teilnehmer etwas erwartet. Es dünnte jedoch schnell aus, als Sascha die Vorraussetzungen für eine eigene Installation von PressBooks verdeutlichtet. Ganz ehrlich, das ist wirklich nur etwas für Nerds und nicht unbedingt für Autoren. Neben einer frischen WordPress Multisite Installation benötig man nämlich vollen Zugriff auf einen eigene Server. Nur so lassen sich die zusätzlichen Applikationen installieren, die PressBooks für die Generierung beispielsweise der PDF-Version des Buches benötigt. Natürlich lässt sich PressBooks auch als Dienst bei PressBooks.com nutzen. Der Sinn, nein Anwendungsfall blieb mir jedoch unklar. Für Autoren gibt es eine ganze Reihe erheblich zugänglichere Tools. Sofern ich ein wirklich druckreifes PDF benötige, greife ich nach wie vor zu LaTeX. Für den ganzen Rest nutze ich Ulysses und Scrivener.

Die vierte Session

Mein Kopf fühlte sich schon ziemlich voll an, aber die vierte Session von Aleksander wollte ich mir nicht entgehen lassen. „Autismus mal anders“ so das Thema, zum dem Aleksander auch ein Buch geschrieben hat. Autismus aus der Sicht eines Autisten. Einem Spätberufenen, wenn man so will, denn nicht nur Menschen mit einer eindeutigen Inselbegabung sind Autisten. Für mich ist Autismus aus einer Reihe von Gründen ein interessantes Thema. Seit längerem hege ich den leisen Verdacht, selber zumindest autistische Züge zu haben. In die Session wollte ich aber, um möglichst viel aufzuschnappen für meine Frau.
Als Lehrerin ist Autismus für sie ein relevantes Thema, zu dem sie auch bereits eine Fortbildung gemacht hat. Mitbekommen habe ich davon bisher immer nur die Sichtweise der vermeintlichen Experten, nie aber die Sicht eines Betroffene. Was soll ich sagen, mitgenommen aus der Session habe ich einige Denkanstöße und die Lust, das Buch von Aleksander zu lesen — nach dem meine Frau es durch hat.

Weg nach Hause und Fazit

Nach der vierten Session beschloss ich, mich auf den Weg nach Hause zu machen. Die hinter mir liegen Woche forderte genau so wie meine begrenzte Aufnahmefähigkeit ihren Tribut. Vorher klebte ich jedoch noch meine Punkte auf das Feedback-Board verbunden mit der Hoffnung, das dies nicht das letzte Literaturcamp in Bonn gewesen ist. Ein toller Veranstaltungsort, eine gute Organisation und auch eine Menge interessanter Menschen. Danke noch mal für den gelungenen Tag!
Im Nachhinein etwas geärgert habe ich mich, selber keine Session angeboten zu haben. Möglicherweise hätte es die eine oder den anderen interessierte, etwas über Scrivener als Software für Autoren zu erfahren. Aber auch zur Überwindung von Schreibblockaden hätte ich etwas erzählen können — bei nächsten Mal, ganz bestimmt.

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