Tanz um Gloomhaven

Tanz um Gloomhaven

Der Hype um das Spiel Gloomhaven erinnert mich ein wenig an den Tanz um das Goldene Kalb. Bei BoardGameGeek ist das Spiel mittlerweile auf Platz 10 gestiegen. Die zweite Kickstarter Kampagne erreichte gestern beim Start das gesetzte Finanzierungsziel innerhalb von fünf Minuten. Was ist dran an dem Spiel und lohnt es sich, es zu kaufen — zwei fragen, die mich in den letzten Tagen intensiv beschäftigten.

Ein Anruf aus den 80er Jahren

In den 70er und 80er Jahren erblickten die ersten erfolgreichen Pen and Paper Rollenspiele das Licht von Neonröhren in Hinterzimmern und Spielläden. Der wohl bekannteste Vertreter (nach wie vor) dürfte Dungeon & Dragons sein. Während die Spiele in ihre Anfangszeit eigentlich eher Dungeon Crawlern mit Hack and Slay Elementen waren, entwickelten sie sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zu immer komplexeren Gebilden, die eine enorme Interaktionstiefe zuließen. theoretisch, zumindest, denn es kommt bei Rollenspielen stark auf die Gruppe und den Spielleiter an.

Gloomhaven
Quelle: BGG

Biographie eines Rollenspielers

Persönlich regnete ich Rollenspielen zum ersten Mal Anfang der 90er Jahre, in der Oberstufe. Natürlich fing der Freundeskreis dann zunächst mit dem Klassiker Dungeon & Dragons an. Andere Rollenspiele folgten, eine davon sind mir nachhaltig positiv in Erinnerung geblieben.
Damals hielt ich Rollenspiele für die Königsdisziplin unter den Spielen. Vor allem deshalb, weil man im Grunde dafür nur Papier, Bleistift und Würfel benötigt. Die Regeln kann man sich zu Not auch noch ausdenken, was ein beindruckend guter Spielleiter mal in Essen auf der Messe demonstrierte.
Noch vor dem Studium endete meine Rollenspieler Zeit. Die Gruppe ging auseinander und eigentlich ist Rollenspielen ein ziemlich zeitintensives Hobby. Man benötigt neben einer festen Gruppe auch jemanden, der die Rolle des Spielleiters übernimmt und sich auf jedes Abenteuer vorbereitet.

Sehnsucht Rollenspiel

Das freie Spiel, die kreative Art der Lösungsfindung in unzähligen Stunden am Spieltisch haben mir enormen Spaß gemacht. Rollenpsielabende waren keine Materialschlacht, sondern reduziert auf die eigene Imagination. Als Rollenspieler hört man im Prinzip nie wirklich auf, Rollenspieler zu sein. Wenn einen die Faszination gepackt hat, bleibt sie auch weiterhin erhalten. An Stelle einer Gruppe tritt dann die Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die man versucht zu stillen. Entweder mit Brettspielen, die versuchen Rollenspiele zu imitieren (Talisman, HeroQuest, Drachenhort etc.) oder aber mit Computerspielen. Diablo dürften den meisten ein Begriff sein, aber es gibt eine Unmenge an Rollenspielen für Computer. Vom ersten „The Bard’s Tale“ zu Spielen wie „Icewind Dale“, oder auch „World of Warcraft“ bis hin zur „Final Fantasy“-Reihe. Alles fällt unter den Begriff Rollenspiele.

Ersatzdrogen und ihre Probleme

Auch wenn mir insbesondere viele der Computerspiele Spaß machten und kurzweilig waren, so sind sie doch nur eine Ersatzdroge gewesen. Die Interaktion bei einer richtigen Rollenspielrunde können sie nicht ersetzen. Ein Spielleiter aus Fleisch und Blut kann viel besser auf das Verhalten der Spieler reagieren als jede Programmierung. Genau das gleiche gilt meiner Meinung nach auch in Bezug auf Brettspiele, die Rollenspiele sein wollen. Regeln und Mechanismen, um einen Spielleiter zu ersetzen, funktionieren immer nur in einem gewissen Rahmen. Spielbretter haben Grenzen, die eigene Vorstellung nicht. Letztendlich führt das zu einer Steigerung des Konsums, man benötigt immer neue Spiele, um etwas zu sättigen, was sich nicht sättigen lässt.

Gloomhaven als Rollenspiel

Kommen wir aber wieder zurück zum eigentlichen Thema. Gloomhaven, einem Spiel, was als Brettspiel daherkommt aber ein Rollenspiel sein möchte. Für mich sah es auf den ersten Blick aus wie etwas, welches endlich meine alte Sehnsucht stillen könnte. Im Netz schwappt eine enorme Begeisterung für Gloomhaven herüber zu einem, reisst einen mit. Vielleicht auch deshalb, weil man sich mitreissen lassen möchte.
Die erste Partei Gloomhaven vor ein paar Tagen hinterließ einen bleiben Eindruck bei mir. Der Autor hat wirklich Talent, das Spiel kann einiges. Es erscheint mir als bisher beste Umsetzung von dem, was einen Teil des „echten“ Rollenspiels ausmacht. Ein Spielleiter wird nicht benötigt, auch keine elektronische Unterstützung. Alles was man zum spielen von Gloomhaven braucht, ist im Spielkarton.

Ein Spiel das sich lohnt

Der Karton von Gloomhaven ist groß und schwer. Für die rund 100 Euro bekommt man einiges geboten, eine wahre Materialschlacht. In die wollte ich mich nach der ersten Partei nun auch stürzen. Gestern startete wie bereits erwähnt die zweite Finanzierungswelle bei Kickstarter. Zum jetzigen Zeitpunkt hat das Projekt bereits das zehnfache seines ursprünglichen Finanzierungsziels erreicht.
Mir selber wollte ich noch etwas Bedenkzeit geben, diese aber nicht bis kurz vor Ablauf des Projekts ausschöpfen. Und obwohl ich Gloomhaven für ein verdammt gutes Spiel halte, werde ich es mir nicht kaufen. Es sind vor allem drei Gründe, die aus meiner Sicht dagegen sprechen. Zum einen ist immer noch kein echtes Rollenspiel. Was es auch nicht sein muss, es reicht wenn es ein gutes kooperatives Spiel ist — was durchaus zutrifft.

Meine Gründe für den Nicht-Kauf

Etwas Bauchschmerzen macht mir bei dem Spiel der leichte Legacy-Faktor. Im Verlauf der Kampagne werden Material dauerhaft verändert. Aus meiner Sicht bei einer Spielzeit von mindestens 95 Stunden für die Kampagne vertretbar. Zumal das Spiel auch danach noch spielbar sein soll. Wirklich problematisch ist die Spielzeit selber. Nicht weil ich nicht epische Spiele mag, sondern weil ich mir ziemlich sicher bin, dass meine Frau und ich die Kampagne alleine bestreiten würden. Damit steht dann Gloomhaven in Konkurrenz zu dem, was sich bereits in unserer über 440 Spiele umfassenden Sammlung befindet. Nehme ich lediglich die Spiele für zwei Spieler, gibt es einen nicht gerade kleinen Teil, den ich mit meiner Frau eher als Gloomhaven spielen würde.
Genau das war es dann auch, was wir gestern bei Abendessen diskutieren. Es gibt zu viele andere gute Spiele.

Wer es kaufen sollte

Soweit ich mich erinnern kann, ist es bei Gloomhaven das Erste mal, dass ich ein Spiel, welches mir gefällt, nicht kaufe. Es liegt einfach zu viel im Regal, was mir auch gefällt aber nie gespielt wurde. Gloomhaven möchte ich dieses Schicksal ersparen. Ans Herz legen kann ich das Spielen allen, die ein frisches Fantasy-Setting mögen und ein. Art Rollenspiel in Brettform spielen wollen. Darüber hinaus sollten es in jedem Fall Spieler sein, die viel Zeit erübrigen können und deren eigene Sammlung recht übersichtlich ist.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren