Europa und seine Geschichte

Europa und seine Geschichte

Fragt man andere Menschen, was Europa denn sei, bekommt man ganz unterschiedliche Antworten. Ob in der Familie, unter Freunden oder im Bekanntenkreis, jeder hat seine eigene Vorstellung. Dabei schwingt immer auch eine eigene Haltung mit. Von Ablehnung über eine völlig passive Position bis hin zur hellen Begeisterung für die europäische Idee.

Diffuse Vorstellungen

In den meisten Fällen ist jedoch nur eine sehr vage Vorstellung von dem vorhanden, was Europa ist. Die einfachste Antwort, ein Kontinent, stellt niemand wirklich zufrieden. Ich selber hatte bisher auch eher diffuse Vorstellungen. Obwohl ich den Euro als gemeinsame Währung mag, rechnen ich zum Teil immer noch in DM. Zudem fallen mir beim Stichwort EU auch negative Dinge ein, wie die mit aller Macht durchgedrückte Energiesparlampe oder Butterberge. Mich selber würde ich auf einer Skala von totaler Ablehnung der EU bis hin zur glühende Begeisterung fast auf Ende der Skala platzieren. Die Europäische Union ist für mich das Beste, was dem Kontinent passieren konnte. Klar hat die EU Fehler und es gibt eine Menge Baustellen. Beschäftigt man sich etwas mit der europäischen Geschichte, dann wird einem recht schnell klar, das nur die EU die einzig richtige Antwort sein kann.

Europa
KreativeHexenkueche / Pixabay

Europa als Schauplatz

Vor ein paar Wochen habe ich mit dem Buch „Kampf um Vorherrschaft — Eine deutsche Geschichte Europas 1453 bis heute“ von Brendan Simms angefangen. Ein monumentales Werk, sowohl vom Seitenumfang (895) als auch von der Zeitspanne, die betrachtet wird. Gleichzeitig ist es wohl auch ein ambitioniertes Buch, denn wer über fünfhundert Jahre beschreibt, kann auf einzelne Aspekte nur am Rande eingehen. Mache Personen der Zeitgeschichte werden zu Fußnoten oder tauchen in zwei Sätzen auf. Wie zum Beispiel Bill Clinton, der immerhin acht Jahre US-Präsident war.
Zudem dauert es etwas, bis man nach den ersten Kapiteln mit dem Buch warm wird. Es gibt nicht nur viel zu lesen, sondern auch enorm viel zu verdauen.
Ob die Perspektive, welche Simms einnimmt, historisch korrekt ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Wohl aber kann ich sagen, dass sie interessant ist.

Die Mittelmächte

Im ersten Weltkrieg wurden Österreich-Ungarn und Deutschland als Mittelmächte bezeichnet. Auch wenn das von Anfang des Buches ein großer Sprung ist, fasst dieser eine Begriff doch einen großen Teil des Problems zusammen. Insbesondere Deutschland liegt mitten in Europa und ist je nach Definition und Zeitalter von Feinden oder Freunden umgeben. Der strategische Wert des Landes, seiner Produktionsmittel und seiner Bevölkerung war immer wieder Anlass für Kriege gewesen. In das, was später Deutschland wurde oder drumherum, so Simms.
Wie im Kampf um Vorherrschaft immer wieder neue und wechselnde Koalitionen geschmiedet wurden, ist enorm spannend. Lehrreich ist es auch, welche Konsequenzen bestimmte politische Entscheidungen hatten und haben werden.
Im Verlauf des Buchs begreift man auch, warum es in einigen europäischen Ländern gewisse Vorbehalte den Deutschen gegenüber gibt.

Die Europäische Union

Das Jahr 2017 ist für die Europäische Union ein Jubiläumsjahr. Heute vor 60 Jahren, am 25. März 1957, wurden Römischen Verträge unterzeichnet. Letztendlich führten sie zur Geburt der Europäischen Union. Auch wenn sie mit vielen Ansprüchen und Ideale verbunden war und ist, hatte sie eine nicht unwichtige Funktion: eine deutsche Vorherrschaft über Europa zu verhindern. Wer das Buch von Brendan Simms ließ, versteht auch, warum immer wieder Ressentiment auftreten, wenn Deutschland sein Gewicht in Waagschale wirft. Der Sparkurs für Griechenland und die anti-deutschen Reaktionen erklären sich, genau so wie die Kritik an Merkels Führerschaft in der Flüchtlingsfrage.
Das Fatale an Europa ist der unabgeschlossene Prozess der politischen Vereinigung. Die EU könnte mehr und demokratischer sein und hätte, nach dem Vorbild der USA gestaltet, erhebliche Bedeutung auf der politischen Bühne haben. Auch das wird einem beim lesen klar.

Die englische Angst

Großbritannien brauchte lange, bis es sich der EU anschloss. Es gab zudem immer wieder Stimmen für den Austritt. Der nun erfolgende Brexit ist daher wohl nur der vorerst letzte Akt. Die eigene Unabhängigkeit zu verlieren war immer schon die Ur-Angst von Großbritannien. Genau so wie der Verlust an Bedeutung. Ob der Austritt aus der EU das Land stärken wird – ich bezweifle das. Schwächen wird es in jedem Fall leider die Europäische Union. In „Kampf um Vorherrschaft“ (die deutsche Ausgabe stammt aus dem Jahr 2014) findet sich dazu ein deutliches Zitat in der Schlussbetrachtung.

Nur zwei Staaten besitzen die Macht, das Tor zu tieferer Integration auszuschließen: Großbritannien, weil es gegenwärtig die schlagkräftigste Kampftruppe Besitz, und Deutschland, weil seine Wirtschaftskraft für das Funktionieren des Gemeinsamen Markts und des Euros von entscheidenden Bedeutung ist.

Mit Integration meint Simms die Ablösung einzelner Nationalstaaten zu Gunsten ein wirkliche politischen Union. Für mich ist das immer noch das finale Ziel, auch weil es die beste Möglichkeit ist, Europa dauerhaft zu befrieden.

Fazit

Das Buch kann man nicht empfehlen, sondern man müsste es zur Pflichtlektüre machen. Was immer wir im Geschichtsunterricht in der Schule lernten, es weniger als ausreichend um die europäische Geschichte zu verstehen. „Kampf um Vorherrschaft“ wertet eine unglaubliche Vielzahl Quellen aus und fasst sie unter dem besonderen Blickwinkel zusammen. Allein die Bibliographie im Anhang des Buches umfasst einhundert Seiten. Wer sich durch den ganzen Stoff kämpft — und streckenweise ist das Buch etwas mühselig zu lesen — fühlt sich in jedem Fall etwas vorbereiteter auf die Frage, was Europa sei.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren