Gegen den Strom

Gegen den Strom

Etwas blauäugig bin ich die meiste Zeit des Jahres tatsächlich davon überzeugt, Strom würde aus der Steckdose kommen. Den Schock gibt es dann immer zur Mitte des Jahres, kurz vor dem Ende der Sommerferien, wenn die Stadtwerke die Endabrechnung verschicken. All die kleinen Strom fressenden Gimmicks verursachen tatsächlich Kosten. Beim meinem iPhone mit etwa 4,2 kWh sind das sage und schreibe rund 1 Euro! Wahnsinn, das Gerät macht mich richtig arm.

Scherz beiseite. Verglichen mit Kühlschrank (90 kwH), Waschmaschine (150 kWh)und ähnlichen Großverbrauchern im Haushalt ist das eher eine Größe, die nicht ins Gewicht fällt. Selbst dann noch, wenn jeden Tag 10 Nachbarn vorbeikommen würden, um ihr Smartphone ebenfalls zu laden. Das fiele dann unter Nachbarschaftshilfe, besonders dann, wenn es sich positive auf die mitmenschlichen Beziehungen auswirkt.

Kein Strom in Sicht
jackmac34 / Pixabay

Wäre meine Wohnung ein Café, würde ich diese Art der Nachbarschaftshilfe „Kundenservice“ nennen. Wer beim mir einen Kaffee oder Tee trinkt, ein Stück Kuchen dazu isst, der darf sich selbstverständlich auch etwas Strom aus der Steckdose nehmen, um sein Smartphone aufzuladen. Für die meisten von uns ist das Smartphone mittlerweile weit mehr als nur eine Accessoire, sondern die Erweiterung des eigenen Gehirns. Und Gäste dumm aussehen lassen, nur weil der Akku leer ist, wäre eine unschöne Geste. Aus diesem Grund würde ich auch nie auf die Idee kommen, im Wohnzimmer meine Steckdosen zu zukleben, damit keiner mehr seine Smartphone aufladen kann.

Wer bisher den Kopf geschüttelt hat, weil er das alles für total banal hält, dem geht es genau so wie mir. Allerdings kann aus einer Selbstverständlichkeit schnell eine Schlagzeile werden. Wie so was geht, zeigen die Coffee Pirates in Essen-Rüttenscheidt.

In dem vermeintlichen Szene-Café sind seit neustem die Steckdosen abgeklebt, damit niemand mehr Strom schnorrt. Kostenloses WLAN sucht man dort auch vergebens. Finanzielle Gründe wird das wohl eher nicht haben, denn die durch die Strom-Schnorrer verursachten Kosten dürften eher gering sein — wie man an meinem Rechnungsbeispiel sieht. Was möglicherweise wirklich dahinter steckt, findet sich in der Aussage einer Mitarbeiterin des Cafés, welche die WAZ zitiert.

Man solle im Café Kaffee und Kuchen genießen und nicht arbeiten. Das Abkleben der Steckdosen, ein Versuch die Kunden zu erziehen. Oder das Rad zurück zu drehen in eine Zeit, als noch niemand mit Laptop und Smartphone unterwegs war. Egal was es ist, die Haltung der Coffee Pirates empfinde ich als extrem Kundenfeindlich. Erstens, weil ich mich ungern von andern erziehen lasse. Und zweitens, weil das Smartphone für viele, auch mich, zu einem Lebensbegleiter geworden ist. Das kann einem missfallen, ändern wird es die Tatsache jedoch nicht.

Menschen, die sich ständig im Restaurant mit dem Smartphone beschäftigen, stören mich in keiner Weise — solange sie nicht laut telefonieren. Ob sie gerade im Internet surfen, ihre E-Mails checken oder ein Buch lesen ist mir egal. Es stört sich auch niemand daran, wenn ich im Café ein gedrucktes Buch lesen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren