lit.cologne calling for Dschihad

lit.cologne calling for Dschihad

Wenn man an einen der ersten lauen Frühlingstage nicht durch Köln schlendert, sondern sich über mehreren Stunden in fast dunkle Räume begibt, hat das oft einen ganz bestimmten Grund. Es ist wieder lit.cologne. Wie bereits im vorangegangenen Jahr hatte ich aus dem reichhaltigen Angebot nur eine Hand voll Veranstaltungen für meine Frau und mich ausgewählt.

Die ersten davon fand gestern am frühen Abend im Alten Pfandhaus statt. Bisher waren noch zu keiner Veranstaltung dort, die Räumlichkeiten also entsprechend neu für uns. Gewundert haben wir uns aber erstmal über die Menschen vor uns in der Schlange. Zwei Jugendliche, vom Alter her geschätzt vor der Pubertät. Wartend, in ein Handy-Spiel vertieft. Sie waren, wie sich später zeigte, nicht die einzigen jüngeren Menschen im Publikum. Was ich bei der Auswahl der Veranstaltung wohl übersehen hatte: sie wurde sowohl im Erwachsenen- als auch Kinderprogramm angeboten.

lit.cologne — warten auf die Autoren
lit.cologne — warten auf die Autoren

Bei dem Thema wirkt das zunächst einmal erstaunlich. Liest man nur den Titel der Veranstaltung, „Christian Linker trifft Benno Köpfer Dschihad Calling“ und kennt keinen der beiden Autoren, würde man nicht darauf kommen. Christian Linker, Jugendbuchautor, und Benno Köpfer, Islamwissenschaftler beim Verfassungsschutz. Beide verbindet, dass jeder von ihnen ein Jugendbuch geschrieben haben, in dem es um Dschihad und den IS geht.

Im Laufe der Veranstaltung wurde mir dann bewusst, wie richtig und wichtig es ist, das gerade auch junge Menschen im Publikum waren. Sie stehen noch an der Schwelle zu einer Phase der Radikalisierung — die grundsätzlich erstmal nichts Negatives ist, es kommt hier allerdings auf die Richtung an. Der Prozess der Radikalisierung in und um die Pubertät herum ist normal, man versucht sich abzugrenzen, eine eigene Identität zu finden. Auf der Suche nach Antworten verfängt man sich aber mitunter in den Lügenerzählungen der Menschenfänger, ganz gleich welcher Couleur.

Die Stärke der lit.cologne

Um zwei heranwachsenden Menschen auf der Suche nach Antworten, Kadir und Jakob, geht es letztendlich in den Büchern „Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten“ von Benno Köpfer und Peter Mathews so wie „Dschihad Calling“ von Christian Linker. Das große, Starke an der lit.cologne ist es auch, solche Veranstaltungen wie gestern durchzuführen um zu zeigen, wozu Bücher auch da sein können. Sie machen wach und sensibel für wichtige Themen.

Moderiert von Ute Wegmann lasen die beiden Autoren nicht nur aus ihren doch spürbar unterschiedlichen Büchern, sondern nahmen auch Stellung zum Thema, um das sich ihre Romane dreht. Töpfer als Experte für das Thema und Linker als jemand, der über eigene die Recherche sich erst Zugang dazu verschaffen musste. Beiden gelungen ist es, sehr eindringliche Texte zu verfassen. Jugendbücher? Sicher, aber definitiv auch für Erwachsenen anspruchsvolle und empfehlenswerte Kost.

Wie verfällt man der Ideologie des IS, was macht seine Faszination aus? Auch darum ging es gestern Abend. Köpfer ließ einen Naschid einspielen, eines jener arabischen Sprechgesängen mit denen unter anderem die Terroristen des IS gerne ihre Youtube-Videos unterlegen. Rein musikalisch hörte sich das wundervoll an. wie auch Ute Wegmann feststellte. Erfährt man jedoch dann von Benno Köpfer um was es in dem Lied geht, läuft es einem eiskalt den Rücken herunter.

Ein nicht unerheblicher Teil der Faszination des Salafismus als Zubringer zum IS ergibt sich aus den einfachen Antworten, die er bietet. Die brennenden Fragen des Lebens, die gerade jungen Menschen bedrücken, hier werden sie beantwortet. Von Menschen, die in jene Lücke stoßen, die entlassen Sozialarbeiter und Streetworker hinterlassen haben.

Fazit

Nach so einer lit.cologne Veranstaltung fällt es schwer, ein Fazit zu ziehen. Die Bücher, eine Lesempfehlung? In jedem Fall! Starten werde ich wohl mit dem von Christian Linker, man merkt ihm meiner Meinung nach deutlich die Schreiberfahrung, das Talent eindringlich zu erzählen, an. Aber auch das „Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten“ ist beachtlich. Am beeindruckendsten jedoch, und damit sind wir dann wieder beim Anfang, ist für mich die Anzahl junger Menschen bei der Lesung gewesen. Gewünscht hätte ich mir hier eine Diskussion mit ihnen. Mich interessiert wirklich, wie sie die Bücher empfinden, was für sie hängen bleibt.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren