Wargames als Mittel zum Verständnis — Teil 1

Von meiner aktuellen Lektüre bis zu Wargames ist es ein größerer Schritt. Aber auch ein spannendes Gedankenexperiment. Der folgende Artikel stellt den Versuch da, eine Brücke zu schlagen. Üblicherweise schaffe ich es etwas alle sieben bis zehn Tage, ein Buch durchzulesen. Obwohl ich in der Regel zwei parallel lese, eins zu Hause und das andere unterwegs im Zug. Als Reiselektüre habe ich seit Mitte Februar „Kampf um Vorherrschaft: Eine deutsche Geschichte Europas 1453 bis heute“ von Brendan Simms.

Geschafft habe ich bisher nicht mal die Hälfte des Buches, trotz zügigen Lesens. Aber gut, hier handelt es sich um ein Sachbuch mit über 850 Seiten. Die muss man nicht nur lesen, sondern auch verdauen, sprich verstehen. Mit dem Schreibstil musste ich mich zudem auch erstmal anfreunden. Am Anfang wirkt das Buch etwas wirr, aber man lernt dann mit den Sprüngen umzugehen — schließlich verschafft Simms einen Überblick über mehre hundert Jahre europäische Geschichte. Und die ist wirklich spannend.

Wargames Lektüre
Wargames Lektüre

Ohne jetzt zu weit vorzugreifen, weil ich wie bereits erwähnt noch längst nicht am Ende des Buches angelangt bin, kann ich dennoch eines bereits feststellen. Durch die Lektüre fängt man an einiges zu begreifen. Aktuelle politische Entwicklungen haben zumindest zu einem nicht unerheblichen Teil ihre Ursache in der europäischen Geschichte.

Aktuelle Bezüge

Ein Beispiel. Auf dem EU-Gipfel gestern wurde der polnische EU-Ratspräsident Donald Tusk wiedergewählt. Obwohl sein Land, beziehungsweise die Regierung seines Landes massiv gegen die Wiederwahl protestiert hatte. Die nationalkonservative Regierung von Jarosław Kaczyński hat so ihre Probleme mit dem liberal-konservativen Tust — um es mal vorsichtig und knapp zu formulieren. Allein die Gründe und Ursachen dafür aufzuführen, wäre schon einen eigenständigen Artikel wert. Fakt ist jedoch, dass Kaczyński in Bezug auf eine Sache nicht ganz Unrecht hat. Oder anders formuliert, sein Verweis auf die polnische Leidensgeschichte der Teilungen, Kriege und Fremdbestimmung ist korrekt.

Betrachte ich das, was ich von Simms bisher gelesen habe, dann war Polen tatsächlich immer wieder Spielball der Interessen anderer Länder gewesen. Russland und Deutschland sind dabei nur zwei von vielen, die dort agierten. Im Übrigen aber sollte man wohl „Deutschland“ nicht mit dem gleichsetzen, was wir heute als Deutschland kennen. Das „Deutsche Reich“ ist im geschichtlichen Vergleich noch relativ jung. Der Einfachheit halber reicht die wohl aus dem eigenen Gesichtsunterricht über geblieben Vorstellung von vielen Kleinstaaten.

Sich mit der europäischen Geschichte und der Bildung der einzelnen Nation, so wie wir sie heute kennen, auseinander zu setzen, ist extrem spannend. Und hilft, wie bereits erwähnt, aktuelle Ereignisse einzuordnen. Unweigerlich stößt man dabei auf die einzelnen Kriege, die in und um Europa geführt wurden — mit wechselnden Bündnissen.

Wargames und Konfliktforschung

Mich persönlich führt das dann neben der Lektüre auch an den Spieltisch. Es hört sich vielleicht komisch an, aber Spiele vom Typ „Wargames“ oder, wie wir in Deutschland so schon vorsichtig formulieren „Konfliktsimulationen“, können einem helfen, Kriege und Konflikte zu verstehen. Natürlich steht beim so genannten „recreational wargaming“ immer noch das Hobby Spiel im Vordergrund. Aber der Anteil an ernsthafter Auseinandersetzung mit einer Simulation ist unübersehbar. Bewusst wird mir das durch das zweite Buch, welches ich gerade lese (und welche mir zum ersten Mal im meinem Leben den tieferen Sinn des Oxford Advanced Learner’s Dictionary zeigt). Es handelt sich dabei um „Simulating War: Studying Conflict through Simulation Games“ von Philip Sabin. Sabin selber setzt wargames als Unterrichtsmittel ein, um Konflikte besser zu verstehen.

Auf das Buch kam ich durch Marco Arnaudo, Brettspielern möglicherweise bekannt als „marcowargamer“ und seine Videorezensionen bei YouTube. Über Marco Arnaudo stolperte ich, als ich mich begann mit wargames zu beschäftigen. Beide, Arnaudo und Sabin haben mir deutlich gemacht, wie interessant der Bereich „Konfliktforschung“ sein kann. Dabei geht es nicht immer nur um Kriege, sondern auch um den Umgang mit Krisen und Katastrophen. Um das Lernen und Verstehen von Ereignissen, um die Entwicklung von Modellen um besser für die Zukunft vorbereitet zu sein.

An dieser Stelle kommt dann bei mir auch eine pädagogische Faszination dazu, wenn Spiele (im weitesten Sinne) als zu Lehr- und Unterrichtszwecken eingesetzt werden. Wie umfangreich das Thema ist, sieht man sowohl bei Philip Sabin als auch bei einer Webseite namens PAXsims. „AFTERSHOCK: A Humanitarian Crisis Game“ sollte man sich auf jeden Fall genauer ansehen.

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