Vater und Sohn

Vater und Sohn

Beim Titel „Vater und Sohn“ denke ich sofort an an die Bildergeschichten von E. O. Plauen, die ich schon während meiner Kindheit kennenlernte und mochte. Über die Biographie des Zeichners dahinter erfuhr erst später. E. O. Plauen war eine Pseudonym von Erich Ohser, den die Nationalsozialisten mit einem Berufsverbot belegten und der sich nach seiner Verhaftung 1944 im Gefängnis erhängte.

Vater und Sohn ist darüber hinaus ein klassischer Stoff für Dramen und Tragödien. Von Ödipus über Hamlet bis hin zu Star Wars. „Vater und Sohn“ ist auch der Titel eines Romans von James Lee Burke — der englischer Originaltitel lautet „House of the Rising Sun“. Wie immer lässt sich über die Übersetzung des Buchtitels streiten, aber da ein großer Teil des Romans eben auch den Konflikt zwischen Vater und Sohn als Motiv aufgreift, passt er in diesem Fall ganz gut. Obwohl er natürlich wenige originell ist.

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Kommen wir aber zum Inhalt des — und da fängt das Problem schon an. Was ist es, was einen als Leser erwartet? Keine leichte Kost in jedem Fall, denn das Buch ist bei Random House unter dem Label „Heyne Hardcore“ erschienen. Krimi als Genre würde, auch wenn der Autor mehrfach für andere seiner Werke mit einem Krimipreis ausgezeichnet wurde, zu kurz greifen. Ebenso wie Einsortierung als „Wildwest Geschichte“. Belassen würde ich es daher schlicht und einfach bei „Roman“. Steht auch auf dem Cover drauf und passt meiner Meinung nach, denn „Vater und Sohn“ ist keine einfache Geschichte. Eine Geschichte, die man sich durchaus erarbeiten muss, obwohl das Buch spannend von der ersten bis zur letzten Seite ist.

Kurz zur Handlung laut Verlag und Klappentext:

Texas Ranger Hackberry Holland wird zur Zeit der mexikanischen Revolution von seinem Sohn Ishmael getrennt, den er in der Folge aufzuspüren versucht, um sich mit ihm auszusöhnen. Dabei fällt er Soldaten der Revolutionsarmee in die Hände, die ihn verdächtigen, als Texas Ranger im Rahmen einer Strafexpedition mexikanische Zivilisten ermordet zu haben. Der Roman springt zurück in die Zeit von Butch Cassidy und Sundance Kid und endet im Ersten Weltkrieg.

Damit ist alles und eigentlich so ziemlich gar nichts gesagt. Hauptfigur ist tatsächlich jener Hackberry Holland ein durchaus wohlhabender Grundbesitzer in Texas. Jemand, der auf tragische Weise sich selber treu geblieben ist und nicht merkt, dass die Zeit des Wilden Westens abgelaufen ist. Holland kann man als notorischen Säufer und Revolverhelden lesen. Oder aber vielschichtige Person betrachten, die auch Facetten an sich hat, die wir selber erblicken, wenn wir in den Spiegel schauen.

Hackberry Holland ist nicht böse, im Gegenteil. Auf seine Weise liberal und jemand, der sich für die Rechte der Farbigen einsetzt — auch wenn er dafür ordentlich einstecken muss. Holland ist von eine Ritterlichkeit beseelt, die aus der Mode gekommen ist. Seine Gradlinigkeit macht in Blind für das Intrigenspiel anderen Menschen, welche die heraufkommende Moderne besser zu begreifen scheinen. Sie spielen Holland übel mit, am schlimmsten darunter seine Ehefrau, die ihn von seiner Geliebten und dem gemeinsamen Sohn trennt.

Jener Sohn Ishmael ist es, den Holland sucht. Ein Sohn, der von seinem Vater enttäuscht wurde und nichts mehr von ihm wissen will. Ishmael, für den sich Holland entscheiden muss — oder aber für einen Gegenstand, welcher der heilige Gral sein könnte. Jener Gral ist es wohl, der einige Leser irritieren könnte. Zwar steht er im Fokus des Kampfes zwischen Holland und dem skrupellosen Waffenhandel Arnold Beckman ist aber nur ein Symbol. Letztendlich ist es unwichtig, ob es der heilige Gral oder ein völlig wertloser Becher ist. Beckman als Gegenspieler wird als Person gezeigt, der es darum geht etwas zu besitzen. Und wenn ihr das verweigert wird, zu wirklich jedem Mittel greift. Beckman ist personalisierte Verkommenheit, der Bote des 20. Jahrhunderts.

Nach über 600 Seiten, wenn man es endlich schafft, das Buch aus den Händen zu legen, staunt noch länger, mit welcher Leichtigkeit James Lee Burke einen großen Bogen gespannt hat. Es ist wirklich ein epischer Roman über das Ende des Wilden Westens und den Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts. Einen Roman, den man guten Gewissens empfehlen kann.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren