Gier frisst Gerechtigkeit

Gier frisst Gerechtigkeit

Manche Menschen brauchen dafür viele Jahre, andere gelangen in ihrem gesamten Leben nicht zu der einen entschiedenen Erkenntnis. Nicht Geld ist Luxus, sondern Zeit. Zeit, die man selbstbestimmt verbringen kann. Vor die Wahl gestellt, genau so viel wie bisher zu arbeiten und ein höheres Gehalt zu bekommen oder bei gleichbleibendem Gehalt meine Arbeitszeit zu reduzieren, würde ich mich immer für die zweite Option entscheiden.

Ein Luxus, den die Beschäftigten der Firma Knorr-Bremse nicht haben. Bei gleichbleibendem Gehalt soll ihre wöchentliche Arbeitszeit auf 42 Stunden erhöht werden. Die IG Metall nennt dies „Steinzeit-Kapitalismus vom Feinsten“, schrieb die Süddeutsche Zeitung am vergangenen Montag. Genau so sehe ich das aus. Natürlich würde jeder Beschäftigte sofort zeitlich begrenzte Einschnitte hinnehmen, wenn es der Firma so schlecht geht, dass eine Schließung die Alternative wäre. Wobei sich dabei immer die Frage stellt, wer die Schieflage zu verantworten hat. Schlechte Produkte, die allgemeine Marktlage oder aber Missmanagement. Für Letzteres trägt die Firmenleitung die Verantwortung, die auch immer zumindest meinem Empfinden nach ihren Teil zur Rettung beitragen muss.

jensjunge / Pixabay

Wenn aber eine Firma ihren Gewinn innerhalb der letzten fünf Jahre von 329 auf 645 Millionen Euro fast verdoppelt hat, das Vermögen des Eigentümers auf 14,6 Milliarden Dollar geschätzt wird, sieht das nicht nach einer Schieflage aus, sondern nach maßloser Gier. Es riecht nach Ausbeutung, wenn die Beschäftigten von vier Stunden mehr arbeiten sollen ohne Lohnausgleich. Vor allem dann, wenn zusätzlich auch noch Werksverlagerungen ins günstigere Ausland stattfinden.

Ist es gerecht, wenn die einen immer mehr arbeiten und sich ein andere die Taschen vollstopft? Weil er behauptet, Arbeitsplätze zu schaffen, zu erhalten und meint, irgendein Risiko zu tragen?

Nein, ich finde das alles andere als gerecht. Es ist eine maßlose Gier Einzelner, welche die Gerechtigkeit auffrisst. Eine Gier, die Unterschiede nicht nur schärfer hervortreten lässt, sondern sie schafft. Es ließe sich lange über Gerechtigkeit diskutieren. Auch über die Chancengleichheit und die Frage, ob Chancengleichheit tatsächlich zu Gerechtigkeit führt oder nicht.

Wir haben uns viel zu sehr damit abgefunden, dass die Dinge so zu sein haben, wie sie sind. Selbst für die IG Metall scheint die Erhöhung der Arbeitszeit bei Knorr-Bremse lediglich ein Wildwuchs, vielleicht sogar eine Art Tumor, zu sein, den man stutzen muss und kann. Zumindest spricht das aus der Formulierung „Steinzeit-Kapitalismus“. Ist denn der neuzeitliche Kapitalismus besser? Oder ist „Soziale Marktwirtschaft“ nicht lediglich das Stück Kreide, welches der Kapitalismus von einst gefressen hat?

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren