Alternatives Glockenspiel

Alternatives Glockenspiel

Die Arbeitsanweisungen für den nachfolgenden Text lautet, ihn aufmerksam und bis zum Ende durchzulesen, wenn möglich vorher auszudrucken und die Kernaussagen mit Textmarker hervorzuheben.

Vergangenen Freitag schrieb im Artikel „Fuchs stiehlt Verstand“ über eine Veganerin aus Limburg, die sich über die angebliche tierfeindliche Strophe eines Kinderliedes monierte. Mittlerweile heisst es, die Veganerin hätte angeblich nur einen Scherz machen wollen und erhielte jetzt sogar Morddrohungen. Der Druck auf ihre Person sei so groß, dass sie mittlerweile sogar ärztliche Hilfe benötige.

danielamorescalchi0 / Pixabay

Grundsätzlich sind Morddrohungen ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Das diese zudem eine maßlose und dumme Reaktion auf den Vorfall sind, kommt noch hinzu. Es sei aber die Frage erlaubt, wie es überhaupt zu den angeblichen Morddrohungen kam. Hat Limburg etwa nur eine stadtbekannte Veganerin? Zumindest in den Zeitungsartikeln, die ich gelesen habe stand nirgends der Name der Frau.

Es heißt jetzt, die Forderung soll nur ein Scherz gewesen sein. Bei einem erwachsenen Menschen im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte darf man erwarte, dass er weiß, wann ein Scherz angebracht ist und wann nicht. Wer die derzeitigen Diskussionen um Ernährung und Veganer verfolgt, erkennt wie angespannt das alles ist. In den seltensten Fällen kann da ein Scherz zur Entspannung beitragen. Meistens wirkt ein Scherz in etwa so, als würde man Öl ins Feuer gießen.

Natürlich kann man, wenn man ein notorischer AfD-Politiker ist, irgendwelche kruden Behauptung von sich gegeben und hinter, wenn die Wellen über einem zusammenbrechen, behaupten es wäre nur ein Scherz gewesen. Oder so nicht gemeint oder gesagt worden. Der überwiegenden Teil bleibt aber bei dem geäußerten Blödsinn.

Mit anderen Worten: Entweder war die Forderung der Veganerin ernst gemeint und sie hat dann, angesichts der Reaktion einen Rückzieher gemacht. Oder aber es war tatsächlich als Scherz gedacht gewesen, was dann aber ein saudummer Scherz war. Natürlich kann man sich darüber aufregen, wie Mitmenschen auf die Forderung, der Jäger im Lied dürfe den Fuchs nicht mehr erschießen, überreagiert. Klar hätte man auch einfach über die Schlagzeile schmunzeln können und die Sache damit auf sich beruhen lassen können.

Fakt ist jedoch, die Forderung war und ist vorstellbar. Und deutlich weniger absurd als die tatsächliche Aufforderung von PETA, bei Plastikfiguren kein Fell mehr darzustellen.

Bei der vorgegebenen Aufklärung über die angebliche „Fakenews“ stellt sich zu dem die Frage, ob es tatsächlich um die Veganerin ging oder ob nicht andere noble Motive im Vordergrund standen. Im Umfeld des Artikels zähle ich acht Werbeanzeigen, davon drei Anzeigen, die den Artikeltext unterbrechen. Ein nettes Geschäftsmodell mit angeblicher Aufklärung.

„Medienjagd gegen die Veganerin aus Limburg – Dabei war es ein Scherz“ ist zudem eine reißerische Überschrift. Es fand keine Medienjagd auf die Frau statt, sondern es wurde im sachlichen Tonfall darüber berichtet. Wer behauptet, Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitung würden Teil einer Jagd gegen die Veganerin sein, lebt vermutlich bereits in der Welt von RT Deutschland.

Im Raum selber bleibt in jeden Fall die Frage, nach der angeblichen Fakenews. Schauen wir mal, was wirklich Fakenws sind und wie sie wirken können. Wenn ich fordere

vegan lebende Eltern mit minderjährigen Kinder sollen künftig registriert werden, um das Wohl der Kinder durch die Garantie ein ausgewogen, auch tierische Produkte umfassenden Ernährung zu gewährleisten.

ist das zwar möglicherweise ein Scherz, aber keine Fake-News.

Die Schlagzeile „Laut Geheimdienstbericht sei Bundeskanzlerin Angela Merkel in zweiter Ehe verheiratet“ ist ebenfalls keine Fakenews, sondern Blödsinn. Das Merkel in zweiter Ehe verheiratet ist, ist bekannt und keine Geheimdienstinformation, die einen Skandal auslösen würde.

Versuchen wir was anderes.

Dresden: Am Rande der Pegida-Demonstration wurde der Sohn von Angela Merkel, Richard (27), von zwei Nigerianern ohne gültige Aufenthaltserlaubnis zusammengeschlagen. Lutz Bachmann bezeichnete den Vorfall als feige Tat krimineller Ausländer und wertete ihn als Beleg für die Notwendigkeit der Kundgebungen.

Das ist eine Fakenews, sogar mit mehreren Unwahrheiten gleichzeitig. Es ist genau so eine Meldung, über die sich Menschen sofort aufregen, würde man sie in sozialen Netzen posten. Die „Meldung“ bestätigt und verschärft ein bereits vorhandenes Weltbild. Das macht sie so gefährlich. Der zu einer spontanen Reaktion führende Reflex verhindert, den Inhalt der Meldung zu prüfen und zu hinterfragen.

Natürlich bin ich mir bewusst, hier nur einen unbedeutenden Blog mit geringer Reichweite zu betreiben, der zudem frei von kommerziellen Absichten ist. Trotzdem möchte gerade in diesem Fall dazu aufrufen, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen und langsamer so wie bedachter an Nachrichtenmeldungen heranzugehen. Soweit möglich, sollte jeder sich auch bemühen, Quellen zu überprüfen. Und zu hinterfragen. Bei jemanden, der pauschal die Presselandschaft abwatscht, darf man auch gerne die Motive hinterfragen. Pauschale Behauptungen wie „gesamte Presselandschaft“ oder „die deutschsprachige Medienlandschaft“ sind extrem gefährlich und für meinen Geschmack verdammt nah an Begriffen wie „Lügenpresse“.

2 Replies to “Alternatives Glockenspiel”

  1. Der Name ist vermutlich deswegen bekannt, weil dieser „Scherz“ einfach nur ein nettes Geplänkel auf Facebook zwischen ihr und dem Bürgermeister war, wo beide befreundet sind. Das wird wohl beiden eine Lektion sein, sowas nie wieder im semi-öffentlichen Raum zu machen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren