Erweiterungsbrechen

Erweiterungsbrechen

In uns wohnt ein Streben nach Vollständigkeit. Ob das zum göttlichen Plan gehört (sofern es einen gibt und man an die Existenz der Person hinter diesem möglichen Plan glaubt) oder nicht, spielt im Alltag eine eher untergeordnete Rolle. Die meisten von versuchen nämlich, statt sich selber hauptsächlich Dinge zu vervollständigen. Mich selber nehme ich da nicht aus.

Man könnte das auch als eine Art Virus bezeichnen, der uns befallen hat. Wohl die meisten werden an einem Tisch nicht vorbei gehen können, auf dem ein fast vollständiges Puzzle liegt. Nur das letzte Teil muss noch eingesetzt werden, das zum Greifen nah etwas abseits auf dem Tisch platziert wurde.

Diesen Drang macht sich jeder, der in unserer modernen Welt Geld verdienen Welt, selbstverständlich zu Nutze. Ob es die eine Serie ist, die wir unbedingt noch zu Ende schauen müssen, der Romanzyklus, auf dessen nächstes Buch wir sehnsüchtig warten oder aber die Erweiterung zu einem Brettspiel, welches sich in unserer Sammlung befindet.

Graylion / Pixabay

Haben müssen! Dem nicht nachgeben zu können, verursacht fast körperliche Schmerzen — ich übertreibe hier glaube ich etwas.

In der gute alten Zeit, also bei Brettspielen alles vor 1995, kaufte an ein neues Spiel und konnte sich daran lange freuen. Es war in sich abgeschlossen. Verlor es den Reiz, kaufte man sich ein vollständig neues Spiel.

Dann kamen „Die Siedler von Catan“, denen die „Die Seefahrer“ folgten — die erste Erweiterung zu Catan und möglicherweise sogar die erste Erweiterung überhaupt zu einem Brettspiel. Mit einem Mal sorgte eine Erweiterung des eigentlichen Spiels für frischen Wind in den Segeln. Sicher, es hat die eine oder andere Spielerweiterung schon vorher gegeben, aber eher im Nischenbereich. Jetzt aber war der Damm gebrochen. Für Catan erschienen in Folge weitere Erweiterungen. Auch bei anderen Spielen wurde es populär, Erweiterungen auf den Markt zu bringen.

Jäger und Sammler, die wir immer noch sind, konnten wir diesen Erweiterungen nicht widerstehen. Besonders so genannte Sammelkartenspiele machten sich das zu Nutze.

Ob eine Erweiterung wirklich etwas neues brachte, ob sie auch in normalen Spielerunden zum Einsatz kam, wurde nebensächlich. Man musste sie besitzen, um das Spiel vollständig zu haben. Seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, das unvollständige Spiele auf den Markt geworfen werden, um zu einem späteren Zeitpunkt Erweiterungen verkaufen zu können.

Anfang dieser Woche musste ich eine Entscheidung treffen. Da zu Hause der Platz für Neuanschaffung gegen Null geht (und ich dringen mal ein paar Möhren in der Spielesammlung aussortieren muss), schau ich bei jedem neuen Spiel und jeder neuen Erweiterung genau hin. Brauchen wir das wirklich? Was nützt ein Spiel oder eine Erweiterung, die Regal nur Staub ansetzt?

Ein paar Beispiele. In wenigen Tagen wir die Erweiterung für Firefly „Crime & Punishment“ verfügbar sein. Meine Frau und ich habe ich den das Spiel und die bisherigen Erweiterungen über 16 Mal in den Weihnachtsferien gespielt. Die Anschaffung einer neuen Erweiterung ist meiner Meinung daher berechtigt.

In unserer Sammlung befindet sich „
Exodus: Proxima Centauri“ und die erste Erweiterung „Exodus: Edge of Extinction“. Beides besitzen wir seit etwa einem Jahr, gespielt das sich in unserem Besitz befindliche Grundspiel mit mehren Personen genau ein Mal. Irgendwann werden wir sicher noch mal in gleicher Konstellation die erste Erweiterung spielen.

Bei kickstarter hat man jetzt noch 21 Tage Zeit, die zweite Erweiterung „Exodus: Event Horizon“ mit zu finanzieren. Das angebliche letzte Kapitel der Saga ist modular aufgebaut, so dass sich zu bisherigen Spiel einzelne Module hinzufügen lassen.Für 45$ zuzüglich 9$ Versand ist man mit von der Partei. Meine Bereitschaft, Geld dafür auszugeben geht aktuell gegen Null.

Klar, ich hätte die Sammlung gerne komplett. Es gibt den unwiderstehlichen Drang. Mein Kopf fragt mich jedoch: „Bist du blöd? Für das Geld bekommst du ein komplett neues Spiel, welches du mit hoher Wahrscheinlichkeit häufiger spielen wirst als die Erweiterung“.

Ich glaube, man muss sich von dem Gedanken verabschieden, alles und jedes zu vervollständigen. Das Leben besteht aus Lücken, je eher man das einsieht, desto besser ist es wohl. Meine Entscheidung traf ich dann am Mittwoch mit einer Bestellung. Ein tatsächlich neues Spiel, für das es mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit nie eine Erweiterung geben wird. Irgendwie beruhigend.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren