Sei mein Vassal

Sei mein Vassal

Bevor jemand auf falsche (und im Normalfall richtige) Gedanken kommt: Nein, dass in der Überschrift ist diesmal kein, wie beim mir üblich und häufig, Tippfehler. Ich meine wirklich „Vassal“ und nicht den „Vasall“.

Während es sich bei letzterem um einen Gefolgsmann handelt, bezieht sich „Vassall“ auf ein Java-Programm, welches als Plattform zum spielen von Brettspielen dient. Dabei sind die Module für Vassal ein mehr oder wenige getreues Abbild der physikalischen Komponenten eines Spiels. So was wie eine KI ist nicht vorhanden, mann kann also entweder gegen sich selber, online gegen Mitspieler oder „Play by E-Mail“ spielen. Hört sich alles erstmal recht merkwürdig an und das war es auch für mich.

Eine schleppende Invasion

Um Vassal habe ich lange Zeit einen großen Bogen gemacht. Zum einen deshalb, weil das Spiel Java voraussetzt. Seit einiger Zeit schon ist Java nicht mehr Bestandteil von OS X (eine saublöde Entscheidung), sondern muss zusätzlich installiert werden. Der zweite Grund, warum ich mich nicht mit Vassal beschäftigt hatte: das Programm und die GUI sehen aus, als ob sie aus der EDV-Steinzeit stammen würden.

Davon sollte man sich allerdings nicht abschrecken lassen. Es gibt eine gute Gründe, die für Vassal sprechen. So richtig bewusst wurde mir das am vergangenen Freitag. Trotz eines Plans, zunächst mit einem etwas leichteren Wargame aus der Empfehlungsliste als Fortsetzung von „La Garde recule!“ weiter zu machen, bin ich durch einen Spontankauf gleich auf die Nummer 10 der Liste gesprungen.

Auf Platz 10 befindet sich A Victory Denied. In dem Spiel kommen Mechanismen wie zufällig Zugreihenfolge, Versorgungslinine, kontrollierte Bereiche und auch ein variables Spielende zum tragen. Erworben (noch muss das Spiel zu mir geschickt werden) habe ich es über GeekMarket bei BGG — für die Hälfte es Ladenpreises. Da ich mich schon mal vorab mit dem Spiel auseinandersetzen wollte, lud ich mir die Regel aus dem Internet. Fünfzehn Seiten, dass ist eigentlich nicht besonders viel. Allerdings sind die eng bedruckt und wenn man ohne das Spielmaterial vor Augen zu haben liest, kommen die Worte im Kopf an, werde aber nicht bearbeitet.

Beim lernen von Spielregeln brauche ich immer die Möglichkeit, mit den Komponenten des Spiels die einzelnen Beispiele und Regel konkret durchzugehen. An der Stelle stolperte ich dann über Vassal, denn AVD gibt es auch als Modul hierfür. Seit Freitag Abend liegen auf meinem Schreibtisch die ausgedruckten Regeln während das Spielbrett virtuell aufgebaut ist und ich dabei bin, meine erste Partei gegen mich selber zu spielen. Die erste Hürde, das Verständnis der Bedienung von Vassal habe ich dabei bereits genommen.

Das Regelstudium gelingt mit der Unterstützung deutlich besser, dabei hat das digitale Abbild des Spielmaterials den großen Vorteil, erheblich weniger Platz zu benötigen. Genau gesagt muss man keinen Tisch dafür in der Wohnung frei räumen. Selbstverständlich muss man jeden Counter so bewegen, wie man es auch auf dem physikalischen Spielbrett machen müsste. Auf diese Weise aber lernt man die Regeln richtig. Man muss selber in den Tabellen nachschauen und die Modifikatoren berechnen. Wird dann ein digitaler Würfel geworfen, liest man den Schaden ab und entfernt die Einheiten (beziehungsweise zieht sie zurück). Spartanisch, ja. Aber irgendwie auch großartig.

Meine erste Partei ist mittlerweile in die dritte Runde gekommen, nach einer Spielzeit von drei Stunden. Mit anderen Worten: ich habe mich drei Stunden mit A Victory Denied beschäftigt und fühle mich damit gut unterhalten. Noch konkreter gesagt gefällt mir diese Art des „Computerspiels“ besser als die ständig gleiche Kost an Spielen für PC und Konsole.

Da es eine ganzes Füllhorn voll mit Modulen für Vassal gibt und nahezu alle Spiele von GMT Games darüber verfügbar sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass es jemals langweilig wird. Auf jeden Fall freu ich mich jetzt schon drauf, die physikalische Version von A Victory Denied gegen einen echten Menschen am Tisch zu spielen — auch wenn mir dafür die unter Wargamern obligatorische Plexiglasscheibe noch fehlt.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren