Deutsche Unart

Deutsche Unart

Zu Beginn eine Art Disclaimer. Möglicherweise sind bestimmte Unarten nicht ein ausschließlich deutsches Phänomen. Sie fallen mir aber insbesondere bei Deutschen unangenehm auf. Insbesondere gestern wieder in einer so geballten Form, dass abends die Anzeige für „genervt sein“ auf Maximum stand.

Den Rest gab mir ein Wichtigtuer in der DB Lounge Essen. Für mich ist es nach wie vor schwer zu begreifen, warum Menschen in der Öffentlichkeit so extrem laut telefonieren müssen. Das macht man allenfalls in einem Einzelbüro bei geschlossener Tür. Aber nicht in einem ansonsten ruhigen Umfeld. Es sei denn, man möchte auffallen um sich wichtig zu fühlen. Was ich als typisch deutsch bezeichnen würde. Mehr aber noch ist es in diesem Fall eine schlechte Kinderstube. Menschen, die wirklich wichtig sind, haben so was nämlich nicht nötig.

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Und das führt mich dann zum anderen Erlebnis in der DB Lounge. Ein andere Mann im Anzug hat auch sein Mobiltelefon am Ohr. Er telefoniert, war aber nicht zu hören, weil er wirklich leise sprach — um niemanden zu stören. Der Mann (um die 50) hatte eine Art noble Ausstrahlung — sicher der falsche Begriff dafür. Er gehörte zu der Sorte Mensch, die in sich ruhen und es nicht nötig haben, für Aufsehen zu sorgen. Ein Stück weit britisches Understatement — obwohl er Deutscher war.

Aber ich sagte ja bereits, dass mir der laut telefonierende Mensch nur den Rest gegeben hat. Bereits am Nachmittag war ich angefressen über eine andere, meiner Meinung nach ebenfalls deutsch, Unart. Besserwisserei, Verallgemeinerung und Belehrung in Kombination. Eigentlich fing es alles ganz harmlos an. In einer Facebookgruppe wurde gefragt, wie man denn das Spiel „Agricola“ finde. Mir persönlich gefällt es ziemlich gut. Manche Menschen seinen aber zu übersehen, dass so was immer eine persönliche Meinung ist, die mit Vorlieben zusammenhängt.

Das es Menschen gibt, den der Aufbau des Spiels zu lange dauern und die es für mühselige halten, Rohstoffe zu Beginn einer Runde nach zu füllen — kann ich mit leben. Warum die Personen dann überhaupt Brettspiele spielen, muss sich schließlich nicht verstehen. Aufgeregt hatte ich mich dann über folgenden Kommentar (ich reiße das mal etwas aus dem Zusammenhang):

nach 5 Jahren sollte auch mit diesem, äääh, „Agricola“ Mal Schluß sein, oder? Aber anyway, ich bewundere eure Ausdauer.

Möglich, dass ich da was in den falschen Hals bekommen habe. Aber hey, warum sollte man ein Spiel nicht länger als 5 Jahre spielen? Wenn es gut ist, kann man es noch viel länger spielen. Neue Spiele müssen nicht immer besser sein. Mitterlerweile ist Agri­cola bereits neun Jahre alt. Bei uns zu Hause kommt es wieder häufiger auf den Tisch, weil wir das Spiel (was schon ebenso lange in unserer Sammlung ist) wieder für uns entdeckt haben. Es ist ein stimmiges, herausforderndes Aufbauspiel. Das immer noch zu Spielen hat nichts mit Ausdauer zu tun, sondern damit, ob man das Spiel mag oder nicht.

Ich für meinen Teil zähle zum Beispiel Acquire von Sid Sackson zu meinen absoluten Lieblingsspielen. Dabei stammt das Spiel von 1964. Nach wie vor spielt es immer noch hervorragend. Tja, und Schau beziehungsweise Go (in meinem Fall) sind Spiele, die erheblich älter sind und immer noch Menschen in ihren Bann ziehen. Weil sie gut sind. Sie mögen nicht jedem gefallen und es gibt auch Gründe, warum ich aktiv nicht mehr Go spiele, aber die Spiele sind ganz objektiv einfach gut.

All das kam in mir hoch, als ich über diesen blöden Kommentar stolperte, der sich nicht mal an mich richtet. Diese anderen seine Meinung aufdrücken, diese empfunden typisch deutsche Unart, die brachte mich einfach zur Weißglut.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren