Wehmeier probt den Aufstand, Teil VII

Wehmeier probt den Aufstand, Teil VII

Auf dem Gepäckträger hatte nur die Aktentasche Platz, so dass Wehmeier den Stoffbeutel an die linke Lenkerstange hängte. Beim fahren bereitet das einige Mühe, denn ständig musste Wehemeier gegensteuern, um weder eine ungewollte Linkskurve zu fahren noch zu riskieren, dass sich der Beutel in den Speichen des Vorderrads verfing. Nach der Hälfte der Strecke gab Wehmeier auf, stieg vom Rad und schob es den restlichen Weg nach Hause.

In der Waschküche schloss er das Fahrrad ab, bevor er sich den Einkaufsbeutel und die Aktentasche nahm und zunächst zu den Briefkästen im Hausflur ging. Neben der kostenlosen Wochenzeitung befand sich ein Brief von seiner Krankenkasse im Kasten. Beides unter den Arm klemmend stieg er die Treppen hoch in die dritten Stock zu seiner Wohnung. Erst schloss er auf, legte Zeitung und Brief auf den Küchentisch, dazu eine Schokoladenpudding, dann verstaute er den restlichen Einkauf. Der Wein konnte etwas Kälte gebrauchen, bevor Weihmeier ihn aufmachen würde. Aus der Schublade nahm er sich einen Dessertlöffel, setzt sich auf den einen der beiden Küchenstühle und riss in genussvoller Erwartung den Deckel vom Puddingbecher ab.

Der Brief der Krankenkasse lag ungeöffnet auf dem Tisch, als Wehmeier den Löffel zum ersten Mal in den Pudding tauchte. Erst wollte er den Pudding genießen, doch seine Neugier gewann die Oberhand. Wehmeier ließ den Löffel im Pudding stecken und schnappte sich den Umschlag. Hinter sich im Regal, über dem Stapel mit den Zeitungen der letzten Wochen, lag zwischen Salzstreuer und Pfeffermühle der Brieföffner. Sorgfältig trennt er den Umschlag auf und entnahm das personalisierte Anschreiben der Krankenkasse. Mehrfach las Wehmeier die Betreffzeile: Einladung zur Prostatauntersuchung. Wehmeier wusste, dass er als Mann eine hatte, ohne jedoch eine genau Vorstellung von Sitz und Funktion zu haben.

Eine Einladung. Für ihn klang es unverbindlich und gleichzeitig förmlich. War er schon in dem Alter, wo man so was von seiner Krankenkasse bekam? Überhaupt, wenn man irgendwohin eingeladen wurde, brachte man doch etwas als Geschenk mit. Was man zu einer Prostatatuntersuchung mitbrachte, wenn man denn dazu eingeladen wurde, konnte sich Wehmeier beim besten Willen nicht vorstellen. Der Pudding in seinem Becher hatte mit einem Mal seinen Reiz verloren. Wehemeier stocherte darin rum und bekam ein ganz anderes Bild in seinem Kopf. Sein Onkel hatte ihm mal etwas von einem Termin beim Arzt erzählt, als dieser seine Prostata untersucht hatte.

Früher als sonst ging Wehmeier zu Bett, ohne jedoch einschlafen zu können. Von der einen Seite wälzte er sich auf die andere, presste die Knie auf der Seite liegende so fest zusammen, dass ihm die Kniescheiben schmerzten. Schokoladenpudding, Stofbeutel und Prostatauntersuchung verbanden sich in seinen Gedanken. Über die Vorstellung, verkleidet mit eine Cape aus Plastiktüten als Super-Wehmeier gegen die Bevormundung von was auch immer zu kämpfen, umfing ihn schließlich ein traumloser Schlaf.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren