Wehmeier probt den Aufstand, Teil V

Wehmeier probt den Aufstand, Teil V

In der Aufregung vergas Wehmeier, rechtzeitig abzubiegen, die kleine Schleife zu nehmen. So kam er nicht an der Bäckerei vorbei. Wenig später saß er pünktlich, aber hungrig in seinem Bürozimmer. Die Kakteen auf der Fensterbank sonnten sich, sein Bleistift lag mit abgebrochener Spitze vor ihm auf dem Schreibtisch. Der Computerbildschirm zeigte das gewohnte Bild, Wehmeier sollte sich anmelden. Es hätte diesen Bildschirm erwischen müssen, nicht seinen Fernseher zu Hause. Eine mögliche Verschwörung, so wusste Wehmeier, bildete er sich nur ein. Beim dritten fehlgeschlagenen Anmeldeversuch stellte er sich trotzdem vor, der Computer würde seine Ablehnung spüren. Wehmeier beugte sich nach vorne, beide Hände über der Tatstatur, die Augen geradeaus auf den Monitor gerichtet. Er versuchte nicht zu blinzeln, zog seine Augenbrauen weiter runter. Es kam auf einen vierten Versuch an. Das Klopfen hielt ihn davon ab. Nur einen Spalt weit, gerade so breit wie ein Kopf, öffnete sich die Tür. Eine Brille mit Vollbart schob sich in Wehmeiers Gehege.

„Kollege Wehmeier, ich hatte sie telefonisch nicht erreicht. Wollte nur Bescheid geben, dass wir Netzwerkprobleme haben und sich derzeit niemand an den Arbeitsplatzrechner anmelden kann.“ tönte es aus dem Bart.

„Ah ja, danke.“ entfuhr es mit einem Seufzen Wehmeier. „Wann wird es…“

„Unmöglich das zu sagen“ kürzte der Bart die halb gestellte Frag, die ihn sei den letzten 53 Minuten immer wieder gestellt worden war, mit seiner Antwort ab.

Die Tür schloss sich und Wehmeier blieb zurück mit seinem Hunger. Er spitze den Bleistift, legte ihn parallel zur Tastatur, hob ihn wieder auf und spitze ihn erneut an. Der Bleistift würde noch vor der Mittagszeit verschwunden sein, wenn Wehemeier auf diese Weise seinen Vormittag ausfüllte.

Fünf Spitzvorgänge später klingelte das Telefon. Die zum Bart gehörenden Stimme aus der IT-Abteilung verkündete ihm, dass die Anmeldungen jetzt wieder möglich seien. Umgehend überzeugte sich Wehmeier davon, was dem Bleistift vor weiteren Misshandlungen bewahrte.
Es war kein schleichender Prozess, mit der die Konzentration von Wehmeier bei jeder weiteren elektronischen Akte abnahm. Schon bei dem ersten Steuerfall fiel es ihm schwer, sich auf die Gegebenheiten zu konzentrieren. Mehrmals musst er sich selber korrigieren, weil er sich offensichtlich vertan hatte. Statt an geldwerte Vorteile und Eigenbelege dachte er an den Nachtisch. Immer größer wurde der Schokoaldenpudding, den er sich vorstellte. Sanft floss Vanillesoße darüber, schimmerte verführerisch. Wehmeier schloss die Augen, zog Luft durch die Nasenlöcher ein. Für einen Moment glaubte er das Aroma des Nachtischs in seinem Büro zu riechen.

Auf dem an der Tür hängenden Wochenplan der Kantine stand nie der zu den Gerichten gereichte Nachtisch. Bis zum heutigen Tag, einem Donnerstag Anfang Frühling, war dieser Umstand Wehmeier noch nie aufgefallen. Platz wäre noch gewesen und wenn es denn kein sich wiederholendes Versehen war, so musste Absicht dahinter stecken. Der Nachtisch als freiwillige Zusatzleistung. Das durch den Hungers seine Phantasie mit ihm durchging, merkte Wehmeier lediglich am Rande, als die Kakteen sich auf der Fensterbank eine Flasche Vanielsauce reichten, um sich damit gegen den brennende Sonne einzureiben.

Früher als sonst verließ Wehmeier sein Büro, um den sich abzeichnenden Wahnsinn durch Nahrungsaufnahme in der Kantine etwas entgegen zu setzen. Dort wo die leeren Plastiktabletts für die Gäste der Kantine gestapelt wurden, stellte Wehmeier eine Veränderung fest, die er sich nicht einbildete. Man hatte an der Säule einen zwei Meter hohen und 60 Zentimeter breiten Spiegel angebracht. Jeder, der sich ein Tablett nahm, wurde in diesem Spiegel mit seiner eigenen Figur konfrontiert.

Jemand musste sich dabei einen Scherz erlaubt und einen Zerrspiegel angebracht haben, denn Wehmeiers Körper sah darin alles andere als Vorteilhaft aus. So sah, nein so fühlte er sich gewiss nicht. Dennoch, ganz ohne Zweifel, es war genau der Wehmeier der er war, welcher ihn aus dem Spiegel entgegenblickte. Wehmeier wandte sich ab und zählte die Kratzer auf dem hellgrauen Plastiktablett.

Wie aus Trotz nahm er das Tagesgericht, wollte den Nachtisch dazu und stand wieder vor dem Problem mit dem sich davor befindenden Salatschüsseln. Herausfordernd sah ihn die Frau von gestern hinter der Theke an. Wehmeier dachte an die Demütigung vom Vortag, an den Spiegel heute und verzichtet auf den Nachtisch. Beim lustlosen herunterschlingen seiner Mahlzeit beschloss er, sich nach Feierabend auf dem Rückweg nach Hause selber einen Schokoladenpudding im Supermarkt zu kaufen. Zurück im Büro ergänzte er seine Einkaufsliste um Eukalyptus-Bonbons, denn seine Tüte in der Schreibtischschublade enthielt nichtmal mehr ein einziges Bonbon. Keine kleine Belohnung nach dem Essen. Kein Motivationsschub für den bevorstehenden Nachmittag.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren