Abenteuer Logistik

Abenteuer Logistik

Manche Themen bewegen sich jenseits der eigenen Wahrnehmung, auch wenn man mit ihnen mehrmals in der Woche in Kontakt kommt. Vielleicht, weil man sie für selbstverständlich erachte. Strom kommt halt aus der Steckdose, was sonst. Oder aber, weil man sie für selbstverständlich hält. Wenn ich werktags nach Hause komme, liegt die Post für mich im Briefkasten — wenn es denn welche für mich gab an diesem Tag. Nur, hier gab es aber auch jemanden, der die Briefe zu mir gebracht hat.

Genau so verhält es sich mit Paketen. Wir bestellen irgendwo etwas — meistens mittlerweile im Internet. Auf magische Weise erhalten wird dann das Bestellte direkt bis vor die Tür geliefert (ausgehen vom Idealfall). Wir haben uns sogar an zusätzlichen Komfort gewöhnt. Zum Beispiel Packstationen für den Fall das wir nicht zu Hause sind oder aber den online abrufbaren Verlauf der Zustellung.

Robotic Challenge
Robotic Challenge

Hinter einer Zustellung aber steckt mehr, als die meisten von uns (mich eingeschlossen) ahnen. Im besten Fall kennt man noch den Zusteller, was bei uns hier in der autofreien Siedlung zumindest im Falle von DHL ein höflicher und umgänglicher Mensch ist.

Hinter der Zustellung steckt ein Unternehmen, welches den gesamten Vorgang der Zustellung übernimmt. Als Dienstleister für die Firma, die meine Bestellung auf den Weg bringt und für mich, der etwas bestellt hat. Als ich vor ein paar Wochen von DHL zum Event #DPDHLinspires eingeladen wurde, hatte ich wenig mehr als den Hauch einer Ahnung, welches Abenteuer Logistik eigentlich sein kann. Einen ganzen Nachmittag wurde ich dann gestern mitgenommen auf eine spannende Reise. Mein Startort dabei war im hier und jetzt, im DHL Innovation Center in Spich.

Interessant waren die Vorträge allesamt, vielen Dank noch mal an (in der Reihenfolge ihres Auftritts) Matthias Heutger (DHL Senior Vice President Strategy, Marketing & Innovation), Liam Young (Zukunftsforscher / Unknown Fields Division), Katharina Tomoff (Vice President Shared Value/GoGreen DHL), Tim Houter (Universität Delft) und Sascha Lobo (Sascha Lobo). Unterhaltsam moderiert wurde die Veranstaltung von Thomas Knüwer (kpunktnull – Knüwer Horn GbR).

Neben den Vorträgen gab es eine Robotics Challenge zu erleben. Drei Teams, die jeweils den Prototypen eines Gefährts vorstellten, welche den Paket-Zusteller möglicherweise in naher Zukunft autonom begleiten soll. Da es eine Challenge war, ging es nicht nur um die reine Vorstellung, sondern die drei mussten im Schlepptau eines erfahrenen Zustellers einen Parkour bewältigen. Mit Bravour schaffte das die Konstruktion des Teams aus Frankreich. Mit etwas Abstand folgte dahinter das aus Österreich während beim Team aus Bremen kräftig angeschoben werden musste, um über die Brücke zu kommen. Deren Prototyp hatte auch ansonsten die größten Schwierigkeiten. Es war auch noch nicht soweit fertig, dass es von alleine dem Zusteller folgen konnte. Zudem sah es aus wie ein Gefährt für die Marslandung. Die an kleine Rugby-Bälle erinnernde Kettenkonstruktion schepperte so laut, dass man damit gerade in verkehrsberuhigten Gebieten für ziemlichen Radau sorgen würde.

Zurück aber zu den Vorträgen. Wie gesagt, interessant waren sie alle und ist trotz spärlicher Notizen meinerseits eine Menge hängen geblieben, vor allem zum Thema Nachhaltigkeit.

Liam Young beeindruckte mit seiner virtuellen Taxifahrt durch eine Stadt der Zukunft. Eines der einprägsamen Stichwörter aus seinem Vortrag war „Design the shadows“ — wie und auf welche Weise die Entwicklung eines neuen Gerätes Auswirkung an anderer Stelle hat, die uns meistens verborgen bleiben. So führte die Entwicklung eines goldenen iPhones zu einem leichten Anstieg des Goldkurses mit dem Effekt, dass sich Tagebau in Gebieten mit nur minimalen Goldvorkommen plötzlich lohnte — mit drastischen Auswirkungen auf die Umwelt.

Im Gegensatz zu unser Nahrung, wo es einen großen Trend gibt, regionale Produkte zu kaufen, gibt es kein lokales iPhone. Young merkte dazu an, wie beispielsweise wohl ein Kölner iPad aussehen würde. Es gibt es nicht. Und wird es auch vermutlich nie geben.

In einer vernetzten, globalisierten Welt kann man die Zeit nicht zurückdrehen. Aber man kann gestalten und Einfluss nehmen. Zu Recht wies Katharina Tomoff in ihrem Vortrag darauf hin, dass Nachhaltigkeit die neue Währung sei. Wem es als Unternehmen gelingt die eigenen Co2-Emissionen zu reduzieren, verschafft sich einen Vorteil gegenüber Mitbewerbern. Gleichzeitig aber stößt das eine positive Veränderung an. Manchmal ist es dann erstaunlich, welche Widerstände sich dabei in den Weg stellen. DHL ist im Bereich der Logistik sicherlich ein Global Player. Die Umstellung der gesamten Flotte Fahrzeuge auf Elektromotoren war jedoch für deutsche Automobilhersteller anscheinend nicht wirklich attraktiv. So entwickelte DHL dann zusammen mit der RTWH Aachen einen Streetscooter — ein Fahrzeug mit Elektroantrieb für Paketzusteller. Und wer weiss, wenn DHL für sich selber Solarparks baut, nicht irgendwann selber zum Stromlieferanten wird.

Was Tim Houter vom Hyperloop erzählte zusammen mit dem von seinem Team entwickelten Prototypen eines Fahrzeugsvermittelte mir das Gefühl, in einer enormen spannenden Zeit zu leben. Beobachten zu können, wie ein Teil der Zukunft gestaltet wird. Ein Transportsystem zu schaffen, was in 30 Minuten von Amsterdam bis Paris fährt. Eine Strecke, für die mit dem Auto mindestens sechs Stunden unterwegs ist. Ein Transportsystem, was viel weniger Energie verbraucht, als ein Flugzeug. Ein Transportsystem, was aber wie jede andere Entwicklung erstmal Ängste bei den Menschen auslöst.

 

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Sascha Lobo

Genau um diese Ängste, die Innovationen auslösen, ging es im letzten Vortrag des Tages. So verdeutliche Sascha Lobo anschaulich, dass mitunter aus Belanglosigkeiten plötzlich wertvolle Daten werden können. Wer kennt es nicht, mal eben schnell von seinem Essen ein Foto schießen und mit anderen teilen. Das ist ja völlig belanglos, denkt man. Bis dann Google hingeht und etwas entwickelt, was anhand des fotografierten Essens die Kalorienzahl ermittelt. Aus den belanglosen Bildern entstehen dann wertvolle Daten. Für Ärzte, Krankenkassen und Versicherungen.
Die Ängste der Menschen sollte man ernst nehmen, so Lobo. Furcht wäre aber besser als Angst, denn Furcht gründet sich auf Wissen während Angst aus dem Unwissen entsteht. Ganz direkt wendete er sich an die Anwesenden, die es als Influencer in der Hand hätten, Menschen zu erreichen und aufzuklären. Selbst wenn auf diese Weise nur ein paar tausend erreicht würden und der eine Vater in der Schulpflegschaftssitzung nicht gegen die Einführung von WLAN an der Schule seine Stimme erhebt, sei schon viel gewonnen.

Insgesamt ein Tag, der sich absolut gelohnt hat. Nur Schade, das ich die abschließende Preisverleihung der Robtics Challenge nicht mehr mitbekam. Aber das lag an mir selber, denn ich machte ich etwas früher auf, um den Rest Tageslicht noch für den streckenweise unbeleuchteten Rückweg zu haben. Von Bahnhof Spich zum DHL Innovation Center und zurück war ich nämlich zu Fuß unterwegs.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren