Wehmeier probt den Aufstand, Teil II

Wehmeier probt den Aufstand, Teil II

Eine quälend lange Zeit später befand sich Wehmeier endlich an dem Ort, der seinen Hunger stets zuverlässig stillte. Das Gejammer der Anspruchsvollen konnte und wollte er nicht verstehen. Die angebotenen Gerichte erfüllten für Wehmeier genau das Versprechen, welches sie verhießen.

Wie immer reihte er sich in die Schlange der Kollegen ein, nahm sich das zerkratzte graue Tablett und studierte ein letzte Mal vor der Entscheidung für sein heutiges Essen den Aushang. Den Menüplan für die kommende Woche gab es am letzten Arbeitstag der Vorwoche, was bis auf wenigen Ausnahmen der jeweilige Freitag war.

Wehmeier gehörte zu den ersten, die sich die per E-Mail verschickte Ankündigung ausdruckten und von innen an ihre Bürotür hängten.Zusammen mit dem Jahreskalender und dem darin eingetragenen Urlaub gab der Kantinenplan genau den Halt, welcher bei der Arbeit in der Finanzbehörde notwendig war. Zumindest nach Wehmeiers Ansicht, die er jedoch niemals in Gegenwart eines Fremden geäußert hätte. Dabei waren für Wehmeier alle Menschen Fremde, die nicht präzise den Inhalt von R 8.1 Absatz 7 Nummer 4 Buchstabe a der Lohnsteuerrichtlinien wiedergeben konnten.

Zum ersten Mal fiel Wehmeier auf, dass etwas nicht stimmt, als er vor der Auslage der Beilagen zum Tagesgericht stand. Normalerweise griff er, während er mit der linken Hand das Tablett weiter zur Kasse schob mit der rechten den Nachtisch ab und platzierte in neben sein Hauptgericht. Der von ihm begehrte Schokoladenpudding befand sich jedoch außerhalb seiner Reichweite. Statt Nachtisch standen Schüssel mit Salat in vorderster Reihe. Beim Versuch an das Objekt seiner Begierde zu gelangen, stieß er mit seinem Bach an die Tresen. Peinlich berührt färbte sich sein Gesicht rot. Der Pudding ließ sich davon nicht erweichen und blieb noch immer außer Reichweite.

Hinter Wehmeier kam bereits Unruhe auf. Eine Frau vom Küchenpersonal beobachte Wehmeier leicht amüsiert, bevor sie ihm beisprang.

„Junger Mann, kann ich Ihnen helfen?“

Wehmeier wusste nicht, was ihn in diesem Moment mehr ärgerte. Seine offensichtliche Hilflosigkeit oder die Anrede dieser Frau, die er auf mindestens fünf Jahre jünger als sich selber schätzte. Aus ihrem Mund klang „junger Mann“, als ob es sich dabei um eine Behinderung handeln würde.

Wortlos zeigte Wehmeier auf den Schokoladenpudding.

„Sind sie sich, dass sie den wirklich essen wollen?“

Eine weitere Unverschämtheit aus dem Mund dieser Person. Die Farbe im Gesicht von Wehmeier wechselt von rot auf fleckig-rot-weiss. Vereinzelt wurde in der Schlange bereits gekichert. Als er endlich seinen Nachtisch angereicht bekam, hielt Wehmeier sich mit einem Dankeschön zurück.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren