Mir wird Geschlecht

Mir wird Geschlecht

Das wir gelegentlich im Bioladen einkaufen und von dort auch die Kundenzeitschriften mitnehmen, darüber hatte ich bereits im September geschrieben, als es darum ging, was „die Kuh verdient“. Aus dem August stammt eine Ausgabe des „Alnatura Magazins“, die immer noch im Zeitungsständer lag. Schon längst hätte ich sie wegwerfen — nein selbstverständlich dem Altpapier zuführen — sollen. Und wenn ich mir die Ausgabe wieder zur Hand nehmen, wäre es besser gewesen. Vor allem besser, als diesen einen Artikel erneut zu lesen.

Allein schon die Überschrift sorgt für rote Flecken am Hals: „Frauen und Männer sind eine Erfindung der Gesellschaft“. Ein Gespräch mit einer Person, die weder als Frau noch als Mann angesprochen werden will, da sie letztendlich Geschlecht für eine Erfindung der Gesellschaft hält.

sasint / Pixabay

Meine Frau, immerhin Biologielehrerin an einem Gymnasium meinte dazu nur: „Die Person hat offensichtlich im Unterricht nicht aufgepasst.“ Der Meinung kann ich mich nur anschließen. Frauen und Männer als Erfindung der Gesellschaft zu bezeichnen, halte ich für gelinde gesagt ziemlich dumm. Das Geschlecht eines Menschen lässt sich nicht leugnen, es ist biologisch determiniert. Ob sich die betreffende Person wohl in ihrem Körper fühlt oder nicht, ist allerdings eine andere Sache.

Das es Frauen und Männer bei uns Menschen gibt, ist eine Erfindung der Natur, nicht der Gesellschaft. Die hat allerdings unterschiedliche Rollen für Frauen und Männer (jenseits von Kinder gebären) erfunden. Und darüber kann man definitiv diskutieren. Nur gewinnt man keinen Blumentopf damit, wenn man das Geschlecht an sich leugnet. Wir sind was wir sind und das ist auch gut so.

Ob jemand sich dem anderen oder dem gleichen Geschlecht hingezogen fühlt ist unterbelichtet. Jeder soll in seiner Liebe glücklich werden. Zu sagen, es gäbe weder Frauen noch Männer, halte ich zudem für lustfeindlich. Eine reine Kopfgeburt, das Geschlecht zu leugnen und auszublenden.

Das Geschlecht ist keine soziale, sondern eine biologische Kategorie. Die Rollen die man dann damit verhindert, wie gesagt, das ist eine Gesellschaftliche Festlegung — die im Übrigen je nach Kultur schwankt. Den Standpunkt zu vertreten, es gäbe Frauen und Männer, hat aus meiner Sicht auch nichts mit Rassismus zu tun. Zudem relativiert es Rassismus.

Privilegien hängen nicht damit zusammen, ob man aus biologischer Sicht eine Frau oder ein Mann ist. Sie hängen mit dem Rollenverständnis der Gesellschaft zusammen. Hier hilft es auch nicht, an sprachlichen Formulierungen zu arbeiten, sondern die Missstände zu thematisieren und ihnen entgegen zu treten.

Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit wäre zum Beispiel deutlich relevanter als der Verzicht auf „Mann“ und „Frau“ als Wörter.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren