Kaffeetanten

Kaffeetanten

Über Kaffee habe ich vermutlich schon so viel hier im Blog geschrieben, dass es dem einen oder der anderen aus den Ohren raus kommt. Die Frage, „hast du keinen Friseur, dem du das erzählen kannst“ wäre durchaus berechtigt.

Klar habe ich einen Friseur. Mit dem habe ich mich gestern über das Thema unterhalten. Genauer gesagt, er hat damit angefangen. Kaffee ist bei mir so was wie eine Leidenschaft, was auch Leiden beziehungsweise Fremdschämen bedeutet, wenn ich mal wieder mitbekommen, was andere Kaffee antun. Kaffee ist mehr als nur Coffein — er enthält Geschmack, der pfleglich behandelt werden möchte. Und ja, Kaffee ist auch ein Genussmittel.

jarmoluk / Pixabay

Während es gestern, beim Friseur, wieder um die Art der Zubereitung ging und meine Überzeugung, dass Nespresso eine gute Wahl ist — wenn man aus Gründen den Kaffee nicht von Hand zubereitet kann, ist es die mir bisher beste bekannte Art, das Aroma durch Kapseln zu erhalten — sprachen meine Frau und ich heute Morgen über etwas ganz anderes in Bezug auf Kaffee.

Das heisst, eigentlich hat sie mir von einem Treffen hier in der Siedlung mit Jugendlichen erzählt, wo die Frage im Raum stand: „Kaffee oder Tee?“

Erst schlossen sich alle den Teetrinkern an, bis sich einer bereit erklärte Kaffee zu machen. Dann überwog die Mehrheit der Teetrinker. Kaffee oder Tee, das ist aber hier nicht die Frage. Sondern: Warum überhaupt Kaffee oder Tee? Beide sind nicht nur Genussmittel, sondern Getränke, an die man sich herantasten muss. Ich lasse mich sogar dazu hinreißen zu behaupten, dass sowohl Kaffee als auch Tee möglicherweise ein Stück weit mit der eigenen Sozialisation zusammen hängen.

Im Büro haben mein Kollege und ich unseren letzten Auszubildenden zum Kaffeetrinker missionieren können. Vor seiner Ausbildung trank er weder Kaffee noch Tee. Unsere derzeitige Praktikantin, ein paar Jahre älter als die Jugendliche, von denen meine Frau erzählte, trinkt weder noch. Um morgens wach zu werden, benötigt sie laut eigener Aussage einen dieser Energy-Drinks. Jenes Zeug, in dem zwar auch Coffein enthalten ist (in der Regel weniger als in einer Tasse Kaffee), aber noch eine ganze Menge andere Stoffe. Klebrig und süß. Allein der Geruch, welcher dann im Büro hängt, ist für mein Empfinden widerlich.

Kaffee und Tee sind beides Getränke, die erst Zucker und andere Fremdstoffe enthalten, wenn man sie selber hinzufügt. Weder von zu viel Kaffee noch von zu viel Tee wird man dick. Bei Energy-Drinks bin ich mir ziemlich sicher, dass das nicht zutrifft. Und das sie auch ansonsten ziemlich ungesund sind.

Kommen wir aber zurück zu den Jugendlichen, die sich mehrheitlich für Kaffee entschieden. Sie stammen hier aus der Siedlung, aus einer ganz bestimmten bürgerlichen Bildungsschicht.

Es ist nur eine Vermutung, die sich eher schwer mit Zahlen stützen lässt. In absoluten Zahlen hat der Kaffe-Konsum in den letzten zwei Jahren leicht abgenommen und liegt derzeit bei 576.000 Tonnen Rohkaffee, die in Deutschland im Jahr verbraucht werden. Der weitaus größte Teil des Kaffee, mit über 70 Prozent, wird zu Hause getrunken. Das aber setzt voraus, dass man in einer Umgebung aufwächst, wo der Konsum von Kaffee selbstverständlich ist. Wo aber Eltern kein Kaffee trinken und vielleicht auch das gemeinsame Frühstück morgens nicht stattfindet, gibt es kein Vorbild.

Bei den Jugendlichen aus der Siedlung ist das soweit mir bekannt ist vorhanden. Kaffee beziehungsweise Tee trinken wie von einer Generation auf die andere weiter gegeben. So was es auch bei mir. Was sich dann verändert zwischen den Generationen, ist die Art der Zubereitung.

4 Replies to “Kaffeetanten”

  1. Gewagte These, aber ich glaube eher, dass es der Geschmack ist und nicht die soziale Herkunft. Wenn es danach ginge, müsste ich wohl den ganzen Tag Alkohol trinken, mein Stiefvater war nämlich Alkoholiker. Ich trinke aber keinen, ich finde das widerlich. Kaffee ist auch so ein Getränk, dessen Geschmack mensch lieben muss. Ich persönlich trinke nur Cappuccino, alle anderen Kaffeegetränke sind mir persönlich zu bitter. Beim Tee hingegen probiere ich gerne viele Sorten aus. Auch hier kommt es auf die Zubereitung an, denn viele grüne Tees werden zum Beispiel total bitter, wenn sie zu heiß und zu lange aufgebrüht werden. Diesen Fehler habe ich am Anfang gemacht und ich bin dann ziemlich lange nicht mehr an grünen Tee herangegangen, bis ich dann, eher zufällig auf einer Fahrradtour, in einem japanischen Teehaus gelandet bin, wo der grüne Tee dann vernünftig zubereitet wurde und ich erkannt habe, wie lecker der ist. Ich glaube deswegen, dass es der Geschmack ist, der ausschlaggebend ist, ob jemand Kaffee, Tee, beides oder gar nix davon trinkt.

    1. Sicher ist es Geschmack, da gebe ich dir recht. Nur: woher kommt der Geschmack? Letztendlich entwickelt er sich. Und die Entwicklung ist abhängig von äußeren Einflüssen.

      Natürlich kann sich jeder immer auch entscheiden, etwas nicht zu tun oder nicht zu mögen.

  2. Der Geschmack entwickelt sich, klar, aber entwickelt er sich durch Vorbilder, oder weil das Gehirn bestimmte Dinge einfach nicht mag? Ich mochte als Kind zum Beispiel kein Rosenkohl, weil er für mich zu bitter war, inzwischen liebe ich Rosenkohl, aber das hat absolut nichts mit meiner Familie zu tun, sondern weil sich tatsächlich mein Geschmackssinn verändert hat.

    Natürlich ist aber der Berührungspunkt mit zum Beispiel Kaffee größer, wenn du in einer Familie aufwächst, die Kaffee trinkt. Aber solche Berührungspunkte können sich auch woanders ergeben. Beruf, Freunde, und weiß ich wo überall.

    1. Der Begriff „Berührungspunkte“ gefällt mir. Ich denke, da treffen wir uns auch. Es gibt familiäre Berührungspunkte aber eben auch Berührungspunkte durch Beruf, Freunde und sonst welche Gruppen. Und darüber kann dann eine Prägung stattfinden.

      Spannend wäre wirklich, wie und warum sich Geschmack ändern, wenn es keine Berührungspunkte oder Kontakte zu äußerlichen Einflussfaktoren gab. Wie war das bei dir mit dem Rosenkohl? Hat sich das einfach so ergeben oder gab es etwas, was den Wandel bewirkte?

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren