Bitte nicht liegen lassen

Bitte nicht liegen lassen

Es gibt einen Artikel bei Spiegel-Online von vergangenen Freitag, den ich nicht vergessen habe. Erst wollte ich sofort darüber schreiben, aber ich war zu wütend, zu geschockt und ziemlich aufgewühlt. Und dann schon ich es ein paar Tage auf, schrieb über andere Dinge, obwohl die Meldung die ganze Zeit vor mir lag. Ich hatte mir sie tatsächlich ausgedruckt, was nur in ganz seltenen Fällen passiert.

Obwohl ich mittlerweile schon eine ganze Zeit lang auf die Meldung gestarrt habe, bleibt sie trotzdem unverändert. Und immer noch unfassbar. Eine kleine Rückblende.

Der 23. Juni 2013 liegt etwas zurück und ich muss gestehen, dass ich meinen Vorsatz von damals noch immer nicht in die Tat umgesetzt habe. Noch immer steht die Teilnahme an einem Erste-Hilfe-Kurs zur Auffrischung aus. Trotzdem, ich würde ohne zu zögern wieder helfen. Ich halte es für besser, als nichts zu tun, oder schlimmer, einfach dran vorbeigehen. Auch wenn ich viel über Köln meckere, bisher waren meine Erfahrungen auch umgekehrt positiv. Zwei Situationen gab es bisher, wo ich selber möglicherweise Hilfe gebraucht hätte, in beiden Fällen war jemand zur Stelle. Fragt nach, kümmerte sich. Einmal davon sogar in einem Industriegebiet, wo weniger Fußgänger unterwegs sind.

Foto: Polizei Essen
Foto: Polizei Essen

Was ich letzte Woche über einen Vorfall in Essen las, hielt ich nicht für möglich. Dabei ist es wohl völlig unerheblich, in welcher Stadt es passiert. Schlimm genug, dass es anscheinend überhaupt Mitbürger gibt, denen das Leben andere dermaßen egal ist. So egal, dass sie über einen hilflos am Boden liegenden Mann im Vorraum einer Filiale der Deutschen Bank einfach herüberstellen und in aller Seelenruhe am Automaten Geld abheben, anschließend wieder ohne mit der Wimper zu zucken die Filiale verlassen.

Wir reden hier nicht von einer Person, welche die gebotene Hilfeleistung verweigerte, sondern von mindestens vier Menschen, die nichts taten. Sie ignorierten den Hilflosen. Erst der fünfte Kunde rief Hilfe. Für den 82-jährigen kam die offensichtlich zu spät, denn er verstarb im Krankenhaus. Über 19 Minuten hat der Mann auf dem Boden gelegen.

Laut Angaben der Essener Polizei soll der Mann gut gekleidet gewesen sein. Mir persönlich gefällt dieser Zusatz nicht. Wäre die unterlassene Hilfeleistung bei einem offensichtlich Obdachlosen weniger schlimm? In jedem Fall betont die Art der Kleidung einen Unterschied — der den vier Personen aber egal gewesen sein muss.

Dokumentiert wurde der Vorfall durch ein Überwachungsvideo, was hoffentlich zusammen mit den Daten des Geldautomaten dazu führt, die vier Kunden ausfindig zu machen.

Mensch, wer jemand sieht, der ganz offensichtlich Hilfe benötigt, sollte helfen! Natürlich sollte sich niemand dabei selber in Gefahr begeben, die aber gab es aber offensichtlich nicht in Vorraum der Bank. Das Verhalten der vier ist unentschuldbar.

2 Replies to “Bitte nicht liegen lassen”

  1. Sowas krieg ich auch in meinen Kopp nicht rein. Für mich ist sowas einfach nicht nachvollziehbar.
    Nicht nur, dass es sich einfach gehört anderen zu helfen, da das etwas ist, das nicht im Ansatz diskutiert werden sollte, weil es einfach selbstverständlich ist. Es fühlt sich auch noch gut an.

    Ich war bislang drei mal in der Ersthelfer-Situation (Ne vollgekotzte und kollabierte Oma im Wald gefunden, jemanden aus dem Kanal gezogen und nem Mädel nachts bei nem Fahrradunfall geholfen) und kann nur eins sagen. Es ist erstaunlich, was man für einen Adrenalin-Schub bekommt. Ein irres Gefühl.

    Von daher kann ich das absolut nicht nachvollziehen. Selbst, wenn man die hilfsbedürftige Perrson nicht anfassen will, so kann man doch mal eben schnell den Notruf wählen. Es ist doch heutzutage so unglaublich einfach.

    :(

    1. Kan kann da auch nicht nachvollziehen.Und wie du sagst, es ist verdammt einfach, Hilfe zu holen.

      Und: Respekt für deinen Einsatz!

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren