Stutenkerl und Pfeife

Stutenkerl und Pfeife

Soweit ich das noch in Erinnerung habe, hieß das Gebäckstück mit der Pfeife aus Hefeteig bei uns „Stutenkerl“. Anderswo nennt sich das Ding „Weckmann“, auch wenn das Männchen mit seinen Rosinenaugen einen eher schläfrigen Eindruck vermittelt — wer weiss schließlich, was es in der Pfeife geraucht hat.

Rund um Sankt Martin gab es den Stutenkerl am Niederrhein, in tiefen Ostwestfalen ist er selbst zu dieser Zeit verdammt schwer zu bekommen. Hier in Köln habe ich den Eindruck, ihn fast den ganzen Herbst über in den Bäckerrein zu sehen. Was mich freut, denn der Stutenkerl ist ein Stück Kindheitserinnerung für mich.

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Was mich dagegen verwundert, sind Abarten des Stutenkerls, die statt der bekannten Tonpfeife einen roten Lutscher haben. Möglicherweise habe ich mich hier im Blog auch schon mal darüber ausgelassen. Bis gestern Abend war mir allerdings nicht klar, was an dem roten Lutscher eigentlich besser ist als an der Tonpfeife. Klar, ich finde die besser, weil ich es genau so kennen. Einer möglichen Antwort, warum der Lutscher eventuell pädagogisch sinnvoller ist, kam ich beim Zähneputzen per Zufall. Mir mir ging ein Comic mit Gustav Gans durch den Kopf, wo er für Daisy Duck Rosmarin besorgen sollte — zum würzen der Lammkeule, die sie für ihn vorbereitet hatte.

Gustav fragte sich durch die Nachbarschaft, wurde überall zum Essen eingeladen und hatte am Ende zwar Rosmarin dabei, aber war zu satt um das von Daisy gekochte Gericht zu essen. So ähnlich ging der Plot. Auf jeden Fall verspeiste Gustav Gans Lammkeule.

Als Kind habe ich das einfach so hingenommen. Gestern wurde mir zum ersten Mal klar, wie absurd das ist. Eine Gans, die Lammkeule ist. Veganer wird so was nicht freuen, dachte ich mir. Und landete dann beim Stutenkerl. Der hat nämlich auch ein Problem. In einer Gesellschaft, in der das Rauchen zunehmen nicht mehr toleriert wird, erscheint es wie ein Anachronismus, einem Gebäckstück eine Pfeife beizugeben. Als Kind fand ich das damals großartig und das mit der Pfeife gemacht, was vermutlich einige in meinem Alter damit taten. Wir imitiert das Rauchen. Etwas älter beließ ich es nicht beim bloßen imitieren, sondern versuchte, mit der Tonpfeife richtig zu rauchen. Trockenes Wallnusslaub. Nur hatte man Tonpfeifen verwendet, die eine verstopfte Öffnung hatten. Mit etwas Draht und Geduld ließ sich das jedoch lösen.

Vor solchen Experimenten will man die heutigen Kinder beschützen. Deswegen verschwinden immer mehr Dinge, die für uns früher einfach dazu gehörten — und bei denen sich niemand Gedanken machte, ob sie uns auf die schiefe Bahn führen würden. Schokoladenzigarette (oder welche mit Kaugummi) gab es früher an jedem Kiosk. In einer Verpackung, die den richtigen Schachteln ähnlich sah. Als Kind tat man damit so, als wäre man ein cooler Raucher. War man natürlich nicht. Abgesehen davon ist rauchen nicht wirklich cool, was zumindest ich trotz Tonpfeifen und Schokoladenzigaretten rechtzeitig begriff.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren