Kinder zum schweigen bringen

Kinder zum schweigen bringen

Mir fällt das schon seit einiger Zeit massiv auf. Eltern, die ihre Kleinkinder sich selber überlassen und statt ihre Aufmerksamkeit dem Nachwuchs zu widmen, lieber irgendwas mit ihrem Smartphone machen.

An Stelle umfangreicher Feldstudien steht bei mir der Blick aus dem Küchenfenster. Hinter unserem Haus befindet sich eine Holzeisenbahn (passen für eine autofreie Siedlung auf einem ehemaligen Eisenbahngelände), daneben ein Sandkasten. Während das Kind irgendwas im Sandkasten macht, buddelt oder sich den Sand in den Mund stopft, sitzt Mama oder Papa auf der Holzlok, den Blick aufs Display gerichtet.

weinstock / Pixabay

Im Sommer hatte ich darüber schon mal geschrieben. In der Zwischenzeit scheint das Phänomen auch anderen aufgefallen zu sein. Wohl auch, weil dieser Typus Eltern vermehrt auftritt. Vergangene Freitag schrieb die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift „Kind oder Smartphone“ über Eltern, die sich mehr für ihr Smartphone als ihren Nachwuchs interessieren.

Allerdings ging die SZ ein Stück weiter und rückte das Verhalten der Eltern in Richtung Sucht. Die Anziehungskraft des Gerätes ist größer als die des Kindes, wie ein Magnet zieht es die ganze Aufmerksamkeit an sich. Das Sozialministerium in Mecklenburg-Vorpommern versucht nun gemeinsam mit verschiedenen Suchtstellen, das Verhalten zu thematisieren und Eltern zu sensibilisieren. So ist auf Plakaten zum Beispiel eine typische Situation nachgestellt, das Kind schaut mit leerem Blick in die Kamera. Dazu der Spruch „Heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?“.

Landesweit sollen Eltern durch eine großflächige Plakation angesprochen werden. Entsenden ist die Aktion unter anderem vor dem Hintergrund dessen, was Erzieherinnen und Erzieher berichten. So sollen Eltern ihre Kinder bei Abholen weder begrüßt noch mit ihnen gesprochen haben — weil sie zu sehr mit dem Smartphone beschäftigt waren.

Quelle: Kampagne "Medien-Familie-Verantwortung" / medienwissen-MV
Quelle: Kampagne „Medien-Familie-Verantwortung“ / medienwissen-MV

Die Sucht der Eltern für zu einer Vernachlässigung der Kinder, zu deren Leidwesen. So ist unter anderem eine Verzögerung in der Sprachentwicklung bei den Kindern möglich. Ebenso kann sich der Eindruck bei den Kindern festigen, weniger wichtig zu sein als das Smartphone.

Es gibt Zeiten, da sollte man sein Smartphone an die Seite legen. Die Zeit, die man mit seinen Kinder verbringen kann, ist viel zu wertvoll. Wer ehrlich zu sich selbst ist, verpasst nicht wirklich etwas, wenn er Facebook und WhatsApp mal nicht benutzt. Und Fotos von seinen Kindern mit dem Smartphone machen und die dann in sozialen Netzen posten sollte man ehedem unterlassen.

Im Übrigen lässt sich die Vernachlässigung noch weiter steigern. Nämlich dann, wenn das Smartphone zum Babysitter wird, wie die Süddeutsche Zeitung heute berichtete. Kleinkinder und Smartphone, das ist etwas, was nicht zusammen passt. Kinder müssen lernen die Welt zu begreifen. Und „begreifen“, hat immer eine haptische Komponente. Wischgesten alleine vermitteln nicht die Welt.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren