Ein Freund verschwindet

Ein Freund verschwindet

Wenn jemand, der einen lange begleitet hat, erst langsam, dann plötzlich verschwindet, spürt man den Verlust. Man spürt ihn, auch wenn sich das Ende unaufhaltsam ankündigt. Sicher, es gab Versuche, zu retten was noch zu retten ist. Ein Flicken hier, ein paar hingenommen Bruchstellen woanders.

Wenn dann der Riss unmittelbar auftritt, ist man für den ersten Moment geschockt. Dann setzt so was Traurigkeit ein. Abschiedsschmerz. Zugegeben, dreizehn Jahre ist für eine Jeans ein verdammt gutes Alter. So lange kannten sich meine Esprit-Jeans und ich uns. Wir lernten uns in einem Factory-Outlett in der Nähe von Düsseldorf kennen und verstanden uns auf Anhieb. Klar, eine Form von bezahlter Liebe, denn man wollte mich nicht ohne monetäre Gegenleistung mit der Jeans zusammen aus dem Laden lassen.

Pezibear / Pixabay

Es gab gute Zeiten und auch Zeiten, wo ich mich wenig kümmerte, die Jeans fast vergessen im Schrank hing. Gepasst hat es immer bei uns. In den letzten Monaten trug ich sie gern wieder auf. Der Schnitt war etwas weiter, was ich als angenehm empfand. Vergangene Freitag dann das Ende der Beziehung. Der schon sehr ermüdete Stoff gab am rechten Knie nach, ein großer, langer Riss.

Sicher andere zahlen für „neue“ kaputte Jeans viel Geld. Meine Jeans war auch bereits geflickt. Die Stelle am Knie jedoch war einfach zu viel. Ich für meinen Teil möchte mit so was nicht herumlaufen. Und manchmal muss man Freunde einfach gehen lassen. Die Jeans hatte ein langes, erfülltes Leben. Schuldig war ich ihr eine angemessen und würdevolle Bestattung in unserem Hausmüll. Dem Wunsch meiner Frau, Stoffreste für den Unterricht in der Schule zur Verfügung zu stellen, widersprach ich. Meine Jeans ist kein Organspender. Sie hat ihre Ruhe verdient.

2 Replies to “Ein Freund verschwindet”

  1. ich hatte diese woche einen ähnlichen abschied. meine 19 jahre alten nikes, die bereits seit 10 jahren als notfallschuhe im auto noch ihr gnadenbrot bekamen, mussten endgültig ausgemustert werden. sehr traurig.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren