Eine Geste des Mittelfingers

Eine Geste des Mittelfingers

Im Alltag eines Otto oder Erika Normalbürgers keine große Sache. Man regt sich über jemanden auf oder wird provoziert. Und reagiert mit dem Mittelfinger als Geste. Klug ist das oft nicht, aber in jedem Fall emotional.

Je nach Kontext hat die Geste allerdings auch Konsequenzen. Bei einer Straßenverkehrskontrolle gegenüber einem Polizisten genau so wie gegenüber einem Muskelprotz. Hinterher ist man immer schlauer, in der Situation selber jedoch schaltet sich irgendwann das Gehirn einfach ab. Reagieren aus dem Bauch heraus.

TanteTati / Pixabay

Natürlich ist das menschlich. Wenn als Sigmar Gabriel pöbelnden Neonazis den Stinkefinger zeigt, signalisiert das fast sogar Bürgernähe. Er reagiert auch mal so, genau wie wir. Als ich von dem Vorfall las, wurde mir Genosse Sigmar für einen Moment sogar sympathisch.

Im Netz war man sich nicht einig. Ein Teil hielt es für eine sympathische Aktion, andere wiederum beeilten sich, die Kritikkeule hervorzuholen bevor diese Staub ansetzen konnte. Was wiederum die Befürworter des Stinkfingers dazu veranlasste, Gabriel in Schutz zu nehmen. Teilweise obwohl man ihn ansonsten eigentlich eher weniger mag.

Bei mir hat es etwas gedauert. Da ich eigentlich immer nur ein Artikel pro Tag schreibe und gestern damit schon durch war, hatte ich zumindest ein Thema für heute. Spontan hätte ich mich gestern wohl auch dem Pro-Lager angeschlossen, obwohl ich nun wirklich nicht verdächtig bin, Sigmar Gabriel besonders zu mögen (was man hier im Blog auch gut nachlesen kann).

Wie dem auch sei, heute morgen las ich einen guten Artikel in der Rubrik Stilkritik der Süddeutsche Zeitung. Christoph Hickmann fand darin ein sehr treffendes Argument, warum der Stinkefinger eben keine gute Idee war.

Als Politiker, insbesondere als Spitzenpolitiker sei man durch jahrelange Erfahrung mit Gremien, bei Veranstaltung, Sitzungen und öffentlichen Auftritten daran gewöhnt, die Contenance zu bewahren. Selbst dann, wenn die Windel eines Babys, was man gerade auf dem Arm hat, undicht wird. Immer freundlich die Eltern anlächeln. Auch das Parteimitglied, das hinterrücks am Stuhl sägt.

Wer öffentliche Ämter bekleidet, so Hickmann, muss sich und seinen Mittelfinger im Griff haben. Menschlichkeit hin oder her.

Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher muss ich Hickmann beipflichten. Tatsächlich möchte ich nämlich Politiker, die seriös ihren Job erledigen. Einer Ver-Trump-ung der Politik stehe ich ablehnenden gegenüber.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren