Der Sommerroman

In ein paar Monaten ist Weihnachten, hoffentlich mit kaltem Wetter und Schnee. In der Adventszeit werden gerne Geschichten gelesen, die thematisch passen. Wo also die Protagonisten durch die Winterlandschaft stampfen, um einen Mord aufzuklären. Oder in der warmen Stube sitzen, den Schneeflocken zusehen und einer verflossenen Liebe nachtrauern.

Wie auch immer. Die Herausforderung für Autorinnen und Autoren besteht mitunter darin, sich mitten im Sommer in Vorweihnachtszeitstimmung zu versetzen und von Schnee um Kälte zu schreiben, während draußen die Temperaturen locker über die 30 Grad klettern. Abgabetermine kennen keine Gnade. Als Leser hat man es da etwas einfacher und kann sich den Roman aussuchen, der zur eigenen Stimmung, zur Jahreszeit passt. Oder, wie im meinem Fall, wählt man sich ein Buch was man lesen möchte und stellt dann erst fest, wie perfekt die Geschichte ein spezielles Gefühl im Hochsommer widerspiegelt.

Windrad in Unterleuten
Windrad in Unterleuten

Vor sehr vielen Jahren ging es mir so, als ich „Die Früchte des Zorns“ von John Steinbeck las. Die Folgen der Dürrekatastrophe, welche die Existenzen der Farmer in den 1930 Jahren vernichtete, lässt sich viel deutlicher erahnen, wenn draußen die Luft vor Hitze flimmert und es nach die Felder kurz vor der Ernte stehen.

Sommerroman, es klingt möglicherweise abwertend. Nach leichter Kost, Strandlektüre. Das ist es für mich nicht. Ein Sommerroman aus meiner Sicht ist ein Roman, der diese Jahreszeit einfängt, sie als Kulisse für eine Handlung mit Tiefe verwendet. Es auch ein Roman, den man sich vornehmen kann, wenn es draußen zu heiß ist für alles andere. Man taucht ab, versinkt in der Geschichte.

Als ich im März im Rahmen der lit.cologne auf den Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh stieß, wusste ich, was für ein großartiges Buch da zusammen mit ihrer Autorin auf einer Premierenlesung vorgestellt wurde. Trotzdem verging noch Wochen, ja Monate, bis ich den Roman in die Hand nahm. Genau zu richtigen Zeitpunkt, den auch wenn die Autorin zehn Jahre dran geschrieben hat, vermutlich auch zu sehr unterschiedlichen Jahreszeiten (siehe oben): Unterleuten ist ein Sommerroman — jedenfalls nach meiner Definition.

Das Buch habe ich auch nicht gelesen, sondern regelrecht verschlungen. An manchen Tagen der letzten anderthalb Wochen musste ich aufpassen, nicht mehre Haltestellen oder Stadtionen zu weit zu fahren, so sehr zogen mich Handlung und die Figuren in ihren Bann.

Die Handlung, in aller Kürze. Irgendwo in Brandenburg liegt das Dorf „Unterleuten“. Auf den ersten Blick eine Idylle, die auch Aussteiger aus Berlin anzieht. Unter der Oberfläche jedoch liegen Jahrzehnte alte Konflikte, die in dem Moment wieder an die Oberfläche kommen, als im Umland Windräder gebaut werden sollen. Wer stellt sich auf wessen sein, wer spielt den einen gegen den anderen aus? Nichts ist so wie es auf den ersten Blick erscheint, und doch kommen einen die Konflikte merkwürdig bekannt vor. Figuren wie die beiden Feinde Gombrowskis und Kron wirken vertraute, auch in ihrem Streben, das Gute zu schaffen aber das Böse zu erreichen.

Unterleuten ist überall, in der Eifel, der autofreien Siedlung oder auf einer Hallig. Überall dort, wo Menschen sich den Lebensraum teilen und aufeinander treffen. Arroganz und Selbstgerechtigkeit und nur ganz wenig Gier, dafür aber viel Enttäuschung über die Ungerechtigkeiten des Lebens.

Wer Unterleuten liest, hat einen großartigen Gesellschaftsroman in der Hand. Eine Skizze des Großen im Kleinen. Er hat aber auch ein Buch in der Hand, dessen Autorin die Sprache genauso meisterlich beherrscht wie das Spiel mit den Metaebenen.

Die fiktive Kneipe „Der Märkische Landmann“ hat genau so wie der „Vogelschutzbund Unterleuten e.V.“ eine eigene, ganz reale Webseite. Es gibt Rezensenten, die darin keinen Mehrwert sehen. Für mich erhöht es die Faszination des Romans. Zudem gibt es tatsächlich einen Mehrwert, man muss ihn nur erkennen (wollen). Die Seite vom Vogelschutzbund spiegelt ein Teil des Charakters der Figur Gerhard Fließ wieder. Natürlich ist der HTML-Code von Hand gestrickt, es prangen zwei Button auf der Seite, W3C XHTML valide und CSS valide. Kleinlich in jedem Detail. Die Seite des Märkischen Landmanns läuft dagegen auf der Grundlage von WordPress — wie auch bei vielen echten Restaurants. Allein das ist in beiden Fällen ein Statement.

Noch weiter geht der Plagiatsvorwurf, der eine Zeit im Raum stand. Juli Zeh hätte, so hieß es, Teile ihres Romans bei Manfred Gortz und dem Buch „Dein Erfolg“ abgeschrieben. Immer wieder wird taucht dieser Gortz tatsächlich im Roman auf, sein Buch ist die wichtigste Inspirationsquelle für die Figur Linda Franzen. Und dieser Manfred Gortz ist genau wie seine Internetseite zum Buch reine Fiktion. Hut ab, Frau Zeh!

Die VentoDirect, jene Firma, welche die Windräder bauen will, hat ihre eigen Seite, Figuren aus dem Buch verfügen über Profile bei Facebook. Brotkrumen, denen man folgen kann, wenn man das Buch nach 640 sehr kurzweiligen Seiten ausgelesen hat. Das Schlusskapitel, so viel sei verraten, ist ebenso stimmig und genial wie der Rest des Romans.

Fazit: Urlaub machen, „Unterleuten“ lesen!

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