Fiktive Lebensläufe

Fiktive Lebensläufe

Original-Lebenslauf, nur leicht gefälscht, in gute Hände abzugeben. Im Gegensatz zu vielen anderen Sachen kann man eine verpfuschte Biographie nicht bei eBay loswerden. Man kann sie sich aber schönreden oder schöntrinken, je nach Neigung.

Sie jedoch frei zu erfinden und damit politische Karriere zu machen, gehört bereits in einem Bereich, wo sich zu Recht von krimineller Energie sprechen lässt. So auch im Fall der SPD-Bundestagsabgeordneten Petra Hinz aus Essen (zumindest diese Angabe scheint zu stimmen).

Nopse / Pixabay

Sie gab in ihrem Lebenslauf an, nach dem Abitur Jura studiert und schließlich das zweite Staatsexamen abgelegt zu haben. Dabei hatte sie weder Abitur, noch eine Universitätsabschluss. Der Teil in ihrem Lebenslauf war schlichtweg frei erfunden, entsprach möglicherweise mehr der Wunschvorstellung von Frau Hinz. Selber sei sie bestürzt über das eigene Verhalten, heisst es. Was aber weder eine Erklärung noch eine Entschuldigung ist.

Man kann annehmen, dass sie ihre politische Karriere auch auf dem falschen Lebenslauf aufbauen konnte. Hochstapler meine ich nennt man die Menschen, die sich auf diese Weise Vorteile verschaffen. Ihr Verhalten lässt sich auch damit nicht entschuldigen, dass Politiker kein Ausbildungsberuf ist, sondern quasi jeder sich wählen lassen kann – ganz ohne jegliche Qualifikation (darüber könnte man auch noch mal nachdenken). In einer Demokratie ist Vertrauen eine Wichtige Währung. Frau Hinz wurde gewählt, weil die Menschen ihr vertrauten. Mit einem gefälschten Lebenslauf wurde sich meiner Meinung nach jedoch dieses Vertrauen erschlichen.

Betrug lässt sich nicht nachträglich damit rechtfertigen, man habe schließlich im Laufe seiner politischen Karriere viel gutes getan und eine Menge positives bewegt. Petra Hinz saß 11 Jahre im Bundestag, hat währenddessen ein beträchtliches Einkommen erzielt und auch entsprechende Pensionsansprüche erworben. Gerecht ist das wohl kaum.

Ja, man kann darüber jammern, wie anstrengend und unfair es ist, Politiker zu sein. Wie viel Selbstaufgabe es erfordert. Sicher es ist auch wirklich notwendig, über einige Fehler im System zu diskutieren, wie es Stefan Laurin in seinem Artikel „Wenn Parteien Versorgungsvereine werden“ andenkt. Eine Erklärung für das Verhalten von Petra Hinz ist das jedoch nicht. Sie hat sich schuldig gemacht. Ihr Verhalten in Bezug auf ihren Lebenslauf scheint auch kein einmaliger Ausrutscher zu sein. Dagegen spricht ihr Umgang mit ihren Mitarbeitern, unter denen es eine extrem hohe Fluktuation gegeben haben soll, wie die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf das Essener INFORMER Magazin berichtet. Jenes Magazin enthält noch eine Menge andere Dinge über Frau Hinz. Zum Beispiel den Vorwurf der Steuerhinterziehung. Die Neuauszählung ihres Wahlkreises 2013, weil sie ihre Niederlage nicht eingestehen wollte gegen den CDU-Kandidaten. Nachzulesen ist das alles im Kommentar von Pascal Hesse „Wie glaubwürdig ist Petra Hinz? Ein Kommentar“.

Ein einfacher Mandatsverzicht reicht eigentlich nicht aus um die entstandenen Wunden zu heilen. Darüber aber sollen anderen befinden.

Abschließend noch mal zur psychologischen Komponenten des fingierten Lebenslaufs. In gewisser Weise kann ich Frau Hinz sogar verstehen. Wer wäre nicht gerne jemand anders als derjenige, der er wirklich ist? Sich ein anderes Leben erträumen, das machen doch viele von uns. Der Unterschied ist nur, ob man die Grenzen zur Fiktion als solche erkennt und akzeptiert. Wenn man sich unbedingt Biographie ausdenken will, sollte man Schriftsteller und nicht Politiker werden.

2 Replies to “Fiktive Lebensläufe”

  1. Sie hat ja nicht nur vorgegeben, bestimmte Abschlüsse zu haben, es standen auch Anstellungen in Kanzleien und sonstige Tätigkeiten als Juristin in dem Lebenslauf. Das suggerierte, dass sie tatsächlich als Juristin Erfahrung gesammelt hat und keinen reinen „Papierabschluss“ habe. Eine ganze Persona würde mMn „gefälscht“. So was gleicht für mich einem Betrug an den Wählern, die ja durchaus mal die Biographien studieren und sich von Abschlüssen und vorherigen Tätigkeiten beeindrucken lassen.

    1. Stimmt, es kamen noch diverse Tätigkeiten, auch fiktive ehrenamtlich hinzu. Das es ein Betrug ist, she ich auch so.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren