Türkei sorgt für Gänsehaut

Türkei sorgt für Gänsehaut

Das nächtliche Lesen von Nachrichten konnte Schmier bisher nicht abgewöhnen — obwohl ich weiss, welche Folgen das für mich hat. Wenn ich mich über etwas aufrege, dann liegt ich für ein paar Stunden wach, bis ich endlich wieder einschlafen kann. Was jedoch heute Nacht passierte, hat mich völlig überrascht.

Den erneuten Anschlag in Frankreich am Donnerstag Abend, diesmal in Nizza mit einem LKW, der in eine Menschenmenge raste, hatte ich noch nicht vollständig realisiert. Auch wenn bereits am Freitag darüber berichtet wurde, nahm ich es nur zum Teil zu Kenntnis. Im Blog schrieb ich über was anderes. Vermutlich auch, weil mich das Entsetzen ein Stück weit lähmt — wieder Frankreich, wieder zahlreiche Tote. Das Land scheint einfach nicht zur Ruhe zu kommen.

falco / Pixabay

Heute wollte ich dann darüber schreiben. Das was jedoch in der Nacht von Freitag zu Samstag passierte, wirft alles über den Haufen. Es ist das allererste Mal, das ich beim lesen einer Schlagzeile eine Gänsehaut bekam. Kurz nach Mitternacht, mir war mit einem Mal kalt. Zum ersten Mal musste ich auch meine Frau wach machen, um ihr zu erzählen, was ich gerade gelesen hatte. „Putsch des Militärs in der Türkei“. Auch jetzt noch, mit Abstand und dem Wissen, das es offensichtlich nur bei einem Putschversuch geblieben ist, läuft es mir kalt den Rücken hinunter.

Mit meinen Gedanken bin ich bei den vielen Menschen um mich herum, die ihre Wurzeln oder sogar auch einen Teil ihrer Familie in der Türkei haben, wie zum Beispiel unserer Paketbote. Das was wir heute geliefert bekamen, brachte jemand anders — verständlich, der Mann hat anderes zu tun als Pakete auszutragen. Er sorgt sich um das Leben seiner Angehörigen. Und ich sorge mich um die Zukunft der Türkei.

Bereits in der Nacht war mir eines klar: egal wie der Putsch ausgehen sollte, gibt es bereits einen Verlierer. Und das sind die Menschen in der Türkei. Die Bürgerinnen und Bürger werden nach diesem Wochenende in jedem Fall in einem Land leben, welches sich in einem noch schlimmeren Zustand als zuvor befindet wird.

Nein, ich mag Erdogan nicht. Ein Militärputsch ist aber kaum das geeignete Mittel, um die Demokratie im Land wieder herzustellen. Das Militär versteht sich noch immer als Hüterin des kemalistischen Erbes und will dieses wohl auch gegen den Willen der Bevölkerung verteidigen.

In den letzten Stunden habe ich selbst beim wandern in der Eifel immer wieder die Nachrichten verfolgt. Mir Gedanken gemacht, versucht die Ereignisse einzuordnen. Es heisst, selbst die Gegner von Erdogan haben sich gegen das Militär gewandt, haben für Erdogan Stellung genommen – weil sie wissen, welche verheerenden Folge der Militärputsch bei den letzten Malen, drei waren es in der Vergangenheit, hatte.

So wie es aussieht, bleibt es bei einem Putschversuch. Ein Versuch, der mehren hundert Menschen das Leben gekostet hat. Und ein Versuch, der Erdogan stärken wird. Wann wenn nicht jetzt wird der die Gelegenheit bekommen, seinen Kurs selbst Kritikern gegenüber zu legitimieren? Er wird der Gewinner sein, der künftige Diktator der Türkei. Und das ist ein erneuter Anlass für eine Gänsehaut.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren