Der missverstandene Zappelphilipp

Der missverstandene Zappelphilipp

Heinrich Hoffmann ist der Urheber eines 1845 erstmalig erschienenen Bilderbuches. Generationsübergreifend sollte „Der Struwwelpeter“ bekannt sein. Die meisten verbinden mit ihm eine autoritäre und grausame Pädagogik. Im Seminar über die „Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur“ (Bestandteil meines damaligen Studiums) lernte ich ein paar andere Lesarten kennen. So führt das Bilderbuch bürgerliche Rituale und Vorstellung geradezu vor.

Efraimstochter / Pixabay

Bettina Hurrelmann, Universitätsprofessorin für Germanistik und Literaturdidaktik, erklärte 2009 in einem Interview mit der WAZ, welche Faszination für Eltern und Kinder auch heutzutage gleichermaßen vom „Zappelphilipp“ ausgeht:

Schauen Sie mal, wie lächerlich diese Eltern dargestellt sind, da sieht doch ein Leser, ob er nun Kind ist oder Erwachsener, mit Vergnügen, dass die Tischdecke mit allem drauf weggezogen wird
Quelle: WAZ, „Der Struwwelpeter: Zwischen Grauen und Genuss“, 06/2009

Man könnte den Zappelphilipp als auch Rebell gegen die bürgerliche Erziehungsvorstellung sehen. Wie dem auch sei, er ist zu einem Synonym geworden für Kinder, die nicht still sitzen wollen oder können. Als ich noch klein war, gab es beim herumzappeln eine Ermahnung. Meistens half das — egal ob in der Schule oder zu Hause. In den Fällen wo es nicht half, sahen die Erwachsenen es als eine Phase an, die vorüber geht. Statt von einer Aufmerksamkeitsstörung sprach man davon, dass sich der betreffende Schüler (oder Schülerin) leicht ablenken lässt. So was stand bei mir auch mal in einem Grundschulzeugnis drin.

Viele Jahre später ist aus dem „leicht abgelenkt sein“ ein pseudo-medizinischer Befund geworden. Es wird von einer „Konzentrationsstörung in Verbindung mit Hyperaktivität“ (ADHS) gesprochen. Bekannte Gegenmaßnahme ist die Verabreichung von Ritalin.

Der Gedanke, dass man Kinder medikamentös ruhigstellt, erzeugt bei mir Brechreize. Weder aus pädagogischer noch sonst welcher Sicht kann ich das nachvollziehen, will es auch gar nicht verstehen.

ADHS ist eine Modeerscheinung und gehört für mich in die Kategorie zweifelhafter Diagnosen verbunden mit Therapieversuchen, die an Scharlatanerie erinnern. Ähnlich Irrtümer gab es bei der sogenannten „Hysterie“ und in der Psychiatrie mit der „Lobotomie“ als Behandlungsform für Patienten.

Am Mittwoch gab es in der Süddeutsche Zeitung wieder einen Artikel zum Thema ADHS mit dem Titel „Nervöser Nachwuchs“. Man muss sich das, was hinter folgenden steht, auf der Zunge zergehen lassen:

Die Region (Würzburg) ist damit absoluter Spitzenreiter bei der ADHS-Diagnose sowie bei der Verschreibung von Ritalin, das dort etwa dreimal so oft verschrieben wird wie im Bundesschnitt. Ursache könnte laut Barmer eine gehäufte Anzahl von Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sein.
Quelle: Guido Bohsem in der Süddeutsche Zeitung vom 08.06.2016

Es bestätigt meinen bisherigen Eindruck von ADHS. Mich würde es nicht wundern, wenn in ein paar Jahren eine Klagewelle über diejenigen niedergeht, die aktuell Ritalin verschreiben – weil neue Erkenntnisse vorliegen und man die Langzeitwirkungen von Methylphenidat vor sich hat.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren