Mathematisch Betrachtet, Teil I

Mathematisch Betrachtet, Teil I

Präzise gerechnet hätte Bernhard Wellmann noch 27 Jahre, vier Monate und acht Tage mit seiner Frau zusammen leben müssen. Zumindest war das seine statistische Restlebenserwartung. Zu Grunde lag dabei auch die Annahme, dass Frauen älter werden als ihre Ehemänner. Seine Frau hätte ihn also höchstwahrscheinlich überlebt.

Das würde jetzt nicht mehr passieren, denn er war ihr zuvorgekommen. Mit einer inneren Ruhe, die nach jahrelanger Abwesenheit heute langsam wieder zurückkehrte, saß er im „Weidenkorb“ und lächelte in seinen Milchkaffee. Extra viel Zucker hatte er rein geschüttet, denn er mochte es süß. So süß, wie die Bedienung, auf deren Hintern er lange gestarrt hatte. Wegen beidem musste er sich nie mehr Vorwürfe anhören. Bernhard Wellmann war wieder ein freier Mann. Allerdings galt es noch, ein eher unschönes Problem zu lösen. Bisher musste er noch nie Gardinen selber aufhängen. Das war sonst ausnahmslos von seiner Frau gemacht worden. Wellmann hatte sie allerdings heute bei der Verrichtung dieser Tätigkeit im Wohnzimmer gestört.

geralt / Pixabay

Die Sache mit der Leiter ließe sich als Unfall erklären. Ein tragischer Unfall, für den vorher die Kante des Marmortisches von Wellmann neu ausgerichtet worden war. Mathematisch ziemlich exakt so, dass bei einem Sturz von der Leiter das Genick der betreffenden Person genau auf die Kante aufgeschlagen wäre. Eine solche praktische Anwendung der trockenen Mathematik hatten seine Schüler in der Oberstufe bisher vermisst. Aber es gab eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Durch das Rütteln an der Leiter war leider auch ihre Position leicht verändert worden.
Seinen Fehler hatte er dann mit Hilfe eines schweren Blumentopfes korrigiert, nur sah das im Ergebnis nicht mehr nach einem Unfall aus. Wellmann verdrängte das Bild. Letztendlich kam es auf das Resultat an, nicht auf den Weg dorthin, auch wenn er im Unterricht immer was anders erzählte.
Genussvoll trank er einen großen Schluck Kaffee. Jetzt fehlte ihm eigentlich nur noch eine Zigarette, dabei hatte er vor Jahren das Rauchen aufgegeben. Nein, aufgeben müssen, wegen der Gardinen. Vielleicht sollte er sie alle herunterreißen. Er strich sich über das Kinn und dachte darüber nach. Die Gardinen einfach zusammen mit der Leiche aus der Wohnung verschwinden lassen. Ihm kam das so brillant vor, dass er schmunzeln musste. Der Zustand hielt nur kurz an, denn dann fiel ihm ein, dass er noch nicht wusste, wo er seine Frau entsorgen sollte. Man konnte sie schliesslich nicht einfach zum Sperrmüll an die Straße legen. Selbst Elektrogeräte wurden nicht mehr mitgenommen. Das war gerade das richtige Stichwort.
Der Kühlschrank zu Hause wartete nach langer Diät darauf, mit gesunden Sachen gefüllt zu werden.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren