Das Ammenmärchen der sozialen Gerechtigkeit

Das Ammenmärchen der sozialen Gerechtigkeit

Am Wochenende war nicht nur das Wetter besser, sondern auch meine Stimmung. Über den SPD-Parteichef hieß es nämlich, er wäre kurz vor Rücktritt. Die Flasche Sekt stand schon kalt. Es kam dann aber anders.

Für den Montag war ins Willy-Brandt-Haus geladen. Man war gespannt, einige Genossen wie ich hofften. Es kam aber anders und am Ende hieß es dann auch noch, wenn Gabriel hätte so wunderbar zum Thema Gerechtigkeit gesprochen. Passend dazu wurde auch eine Interviewpartnerin, eine Putzfrau aus Nordrhein-Westfalen, eingeladen. Kürzlich erst der SPD beigetreten, lieferte sie genau das Kleine-Leute-Bild, welches Gabriel so dringend benötigt.

sandrapetersen / Pixabay

Ganz ehrlich, Susanne Neumann ist mir nicht unsympathisch. Sigmar Gabriel sehe ich aber trotzdem nicht in einem anderen Licht. Nur weil er jetzt Kreide gefressen hat, bleibt der Wolf dennoch ein Wolf. Wer Angst hat alles zu verlieren, wird so einiges tun um den Verlust zu verhindern.

Man kann es drehen und wenden wie man will, die Umfragewerte der SPD sind immer noch im Sturzflug. Ein Grund dafür ist sicher auch, dass die SPD immer noch „mit den Schwatten“ zusammenarbeite, wie Neumann Gabriel vorwarf. Die SPD will so dringen den Gang in die Opposition vermeiden, dass sie lieber ihre Seele verkauft. Dabei wäre die Opposition der einzige Ort, wo sich die SPD erholen und sich wieder besinnen könnte.

Nicht unwahrscheinlich, dass der gestrige Tag bald verklärt wird. Ein Wendepunkt im Leben von Gabriel als Parteivorsitzender, der sich jetzt aufmacht, die SPD auf dem Tief zu holen — was er aber meiner Meinung nach nicht schaffen kann, denn er erst immer noch der falsche Vorsitzende.

Soziale Gerechtigkeit als Thema für den Wahlkampf 2017 ist sicher eine kluge Entscheidung. Wenn nicht sogar die beste Entscheidung. Es ist eines der Themen, welches die Bürgerinnen und Bürger umtreibt. Es es der Kleber, der unsere Gesellschaft zusammen hält. Ohne soziale Gerechtigkeit werden die einzelnen Gruppen dieser Gesellschaft auseinander driften. Frei von Parolen, sondern mit ganzen konkreten Inhalten ist soziale Gerechtigkeit etwas, was die SPD von den anderen Parteien unterscheiden kann — es ist, wenn man so will, ihr Markenkern.

Für mich ist Gabriel kein Mensch, der dieses Thema glaubwürdig vertreten kann. Mit ihm (und einigen anderen Spitzengenossen) verbinde ich auch die Fehler, welche die Sozialdemokraten zu verbuchen haben. Aus der Opposition heraus könnte man mit dem Thema punkten, das eigene Profile stärken und bei der übernächsten Bundestagswahl dann wieder eine gespaltene Rolle übernehmen.

Ach ja, das Ammenmärchen vom Sozialismus. Einer der ehemaligen Protagonisten der ebenfalls ehemaligen DDR, Margot Honecker, verstarb am vergangenen Freitag. Was schrieb die SZ gleich dazu: „Ding, Dong! The witch is dead“ — wenn auch als Zitat, was sie sofort wieder relativierte. Der Satz aber zischt noch lange durch den Kopf.

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren