Der Kunde als Hindernis

Der Kunde als Hindernis

Möglicherweise bestellen immer mehr Menschen online, weil man im Einzelhandel echten Menschen begegnet. Menschen wie du und ich. Aus diesem Grund versuche ich nach Möglichkeit vor Ort einzukaufen, denn hinter jedem Einzelhändler steckt ein Mensch, der mit seiner Arbeit Geld verdienen möchte — und oft genug auch muss.

Der Kunde ist König. In meiner Welt, so wie ich sie gerne hätte, trifft das nicht zu. Kunde und Verkäufer begegnen sich auf Augenhöhe. Als Kunde habe ich kein Recht, die Person hinter dem Tresen herablassend zu behandeln. Umgekehrt gilt das allerdings auch. Die schönsten Einkaufserlebnisse für mich sind die, bei denen man sich gegenseitig mit Respekt behandelt. Ich genieße ein gewisses Maß an Service, dass aber weder Unterwürfigkeit noch gelangweilte Routine sein darf. Die besten Verkäufer sind die, deren Herz für das schlägt was sie verkaufen. Wer schon mal in der Benesisstraße in Köln Tee gekauft hat, weiß was ich meine. Langweilig ist Service dort, wo er nur Teil einer möglichst perfekten Inszenierung ist, so wie in den Nespresso-Boutiquen.

FrankWinkler / Pixabay

Nach dem jetzt meine grundsätzliche Position skizziert ist, kann ich überleiten zu einem Einkaufserlebnis von gestern. Eines, was mich stark motiviert, künftig Spiele ausschließlich online zu kaufen. Oder zu mindeste um den Laden „Brave New World“ künftigen einen großen Bogen zu machen. Dort ist man nämlich ganz offensichtlich der Meinung, Kunden wären in erster Line ein Störfaktor, der von Tätigkeiten wie Spielen mit guten Freunden im Laden abhält.

Als das Brave New World gestern betrat, tat ich das mit der festen Absicht, dort zwei Booster für Krosmaster zu kaufen. Ich stöberte kurz im oberen Teil des Ladens, bevor ich im Kassenbereich die Booster aus dem Regal nahm und vor den Tresen wartet. Unten im Laden wurde gespielt. Man sah mich, da bin ich mir ziemlich sicher. Zehn Minuten stand ich an der Kasse, ohne das irgendjemand herauf kam um abzukassieren. Wohlgemerkt, ich wollte nicht mal so was störendes wie „Beratung“, sondern nur Geld los werden. Niemand kam.

Sicher, ich hätte meine Stimme erheben oder nach unten gehen können, um darum zu bitten, doch die Sache kaufen zu dürfen. Der Kunde als Bittsteller. Das ist mir genau so fremd wie der Kunde als König. Auf Augenhöhe, wie bereits erwähnt. Nach elf Minuten legte ich die Booster dann demonstrativ auf den Tresen und verließ das Geschäft.

Liebe Leute bei Brave New World, ihr habt gestern einen Kunden verloren. Mag sein das es euch egal ist. Mir aber offensichtlich nicht, sonst würde ich nicht diese Zeilen schreiben. Nicht mehr bei künftig bei euch einzukaufen, tut mir selber ein Stück weit weh. Warum? Weil ich die andere Seite kenne. Kunde, Spieler, nein auch ich habe mal in einem Spieleladen als Verkäufer gearbeitet, während meines Studiums in Bielefeld.

Verkauft und beraten habe ich genau so gerne wie auch Spiele als Geschenke eingepackt. Für mich ist die Konkurrenz durch andere Läden, stärker noch durch das Internet keine Abstrakte Vorstellung. Ich weiß wie das einen Laden zu Grunde richten kann. An die Zeit als Verkäufer musste ich auch deshalb denken, weil ich damals genau wie ihr heute noch jeden verkauften Artikel handschriftlich erfasste.

Wenn ihr in eurem Laden nicht gestört werden wollt, kann ich das verstehen. Dann hängt aber am besten ein Schild in die Tür. Vergesst aber nicht, es bei Zeiten durch ein anderes zu ersetzen: „Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe“.

4 Replies to “Der Kunde als Hindernis”

  1. Es tut mir echt leid um den Laden, aber seitdem neue Verkäufer da sind, kann ich da nicht mehr einkaufen. Von der Dame wird man zugetextet und kriegt aufs Stichwort sämtliche Anekdoten aus der Schulzeit aufgetischt. Die Herren lassen einen selbst nach mehreren Signalen nicht in Ruhe stöbern sondern überschlagen sich mit Kaufempfehlungen. Es ist alles nett gemeint, aber man merkt einfach, dass da das verkäuferisches Feingefühl fehlt. (Da war mir der Verkäufer O. lieber, der einfach alles mit einem Murren kommentierte und abkassierte).
    Doof an der Kasse stehen gelassen zu werden ist natürlich ein absolutes No-Go.

    1. Gut auf den Punkt gebracht. Es ist das fehlende verkäuferische Feingefühl. Blöd, wenn die Konkurrenz nur einen Mausklick entfernt ist. Und besonders blöd, wenn es anderswo die Ware deutlich günstiger gibt. Wie bereits geschrieben, mich würde das Schild an der Tür eines Tages nicht wundern.

  2. Das mit dem fehlenden verkäuferischen Feingefühl kenne ich auch hier in Wien. Nachdem die Konkurrenz groß genug ist, macht eben ein anderer den Umsatz und damit das Geschäft. Ich weiß schon, dass man die Supermarktkassierin nicht mit einem Verkäufer in einem Fachgeschäft vergleichen darf, aber als Verkäufer in einem Fachgeschäft bin ich wesentlich für die Kundenbindung mitverantwortlich. Wenn ich mich im Fachgeschäft A besser beraten und betreut fühle, weiss ich zwar, dass es das Fachgeschäft B gibt, aber ich gehe trotzdem beim B nicht hinein, auch wenn ich vielleicht einmal beim A zwei oder drei Euro mehr bezahle.

    1. Genau das ist der Punkt. Wenn bei A die Beratung und das Wohlfühlgefühl stimmt, ist mir das auch zwei, drei Euro mehr wert. Schließlich will man ja auch, dass der andere von dem was er macht (verkaufen und beraten) leben kann.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren