Ich war Hitler

Ich war Hitler

Ein Spiel ist ein Spiel. Die Frage nach der Moral lässt sich jedoch trotzdem nicht davon trennen. Das gilt für Computerspiele aber auch für Brettspiele. Man denke zum Beispiel an „Pogromly“, jene unsägliche Monopoly-Variante, welche sich das NSU-Trio basteltet. Dort geht man nicht in Gefängnis, sondern ins KZ. Geschmacklos in jedem Fall, moralisch verwerflich meiner Meinung nach ebenfalls.

Zwischen diesem extremen Beispiel und völlig harmlosen Vertretern wie zum Beispiel „Hase und Igel“ (bei anderen Vertreten auf der Liste „Spiel des Jahres“ kann man mitunter das Haar in der Suppe finden) gibt es die Grauzone. Spiele, bei denen virtueller Gewalteinsatz ein wichtiges Element ist. So etwa in der ursprünglichen Ausgabe von „Risiko“, wo es heisst „Vernichten Sie die rote Armeen“. Immer noch abstrakt, aber es geht auch ganz konkret. Damit sind wir dann beim Spiel „Secret Hitler“. Ein Spiel, welches mit einem vergleichsweise geringen Materialeinsatz daherkommt, den Spieler dafür aber einiges abverlangt.

Secret Hitler
Secret Hitler

Ähnlich wie etwa „Die Werwölfe von Düsterwald“ ist SH ein Deduktionsspiel, bei dem die Spieler in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Mit dem Unterschied, das hier kein Märchenfiguren zur Auswahl stehen, sondern man im Geheimen entweder Faschist oder Liberaler wird. Tja, und unter den Faschisten gibt es eben auch Hitler. Die Rollen werden vor Spielbeginn verdeckt zugeteilt, dann schließen alle die Augen, während nur die Faschisten für einen kurzen Moment die Augen öffnen und sich gegenseitig zu erkennen geben, bevor alle wieder die Augen öffnen.

Während die Liberalen (blau) versuchen, fünf ihrer Gesetze durchzubringen, um so das Spiel zu gewinnen, erringen die Faschisten (rot) den Sieg, wenn sie ihrerseits fünf Gesetze durchgeboxt haben oder aber Hitler ab dem dritten „roten“ Gesetz Kanzler wird. Jede Runde wandert das Amt des Reichspräsidenten herum, der den Kanzler vorschlägt. Über den stimmen dann alle Spieler ab. Entweder mit „ja“ oder „nein“. Gewinnt der Kanzler die Wahl, zieht der Präsident von dem Stapel mit den verdeckt ausliegenden Gesetzen drei und wählt zwei aus. Der Kanzler seinerseits bekommt diese zwei Gesetze und legt eins offen aus. Das kann dann entweder ein rotes oder ein blaues Gesetz sein. Die anderen Spiele haben in der Phase kein Mitspracherecht, sie können aber Rückfragen stellen. Ob nur rote Karten gezogen wurde, was der Präsident dem Kanzler an Karten zu Auswahl gegeben hat — wobei die Fragen nicht wahrheitsgemäß beantwortet werden müssen. Zudem steht es allen offen, über die verteilten Rollen wild zu spekulieren. Nach dem dritten und vierten faschistischen Gesetz, was durchgebracht wird, darf der Reichspräsident zudem einen Spieler hinrichten lassen. Erwischt es dabei Hitler, gewinnen die Liberalen.

Im Spiel befindet sich ein größer Anteil an faschistischen Gesetzen (rote Karten), dafür sind die Faschisten zu Spielbeginn in der Minderheit (Exekutionen können das ausgleichen…).

Gestern war ich Mitspieler in einer Runde, beim letzten Durchlauf bekam ich die Rolle von Hitler zugewiesen. Hatte ich zu einem Zeitpunkt moralische Bedenken? Keineswegs. Zunächst einmal ist das Spiel abstrakt, gleichzeitig aber auch historisch angelehnt. Lug und Betrug, Täuschen und getäuscht werden — man lernt beim spielen eine Menge über sich und seine Mitspieler. Das Thema ist sicher Geschmacksache, aber man kann das Spiel durchaus auch in einer Kneipe spielen, ohne das man merkwürdige Blicke erntet. Wir sind auch zu keinem Zeitpunkt drauf angesprochen worden, was wir denn da spielen. Wobei, bei sechs Spielern auch noch nicht Hitler eine Sonderrolle eingenommen hat. Bei mehr Spielern ist es nämlich so am Anfang, dass die Faschisten alle die Augen öffnen, nur Hitler nicht. Der muss dann die Hand (nicht den Arm) heben. So wissen die Faschisten zwar wer Hitler ist, Hitler aber nicht, wer Faschist ist.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren