Das Gesicht der alten Republik

Das Gesicht der alten Republik

Für mich ist der am Donnerstag verstorbene Hans-Dietrich Genscher ein ganzes Stück weit das Gesicht der alten Bundesrepublik gewesen. Jenes Staates, der von einer etwas verschlafenen Stadt am Rhein namens Bonn aus regiert wurde.

Das Gesicht, die Ohren von Genscher begleiten mich durch Kindheit und Jugend. Auch wenn er politisch anders tickte als ich, hegte ich eine gewisse Portion Sympathie für ihn. Schuld daran waren seine Ohren. Wenn man so will, für mich ein leuchtendes Vorbild. Sie führten mir vor Augen, dass man es auch damit zu etwas bringen kann. Mir kamen dann gerade als Jugendlicher meine Ohren nicht mehr so dramatisch groß vor.

Didgeman / Pixabay

Genscher, Blüm, Kohl, Geißler — Politiker aus den Jahren, wo die SPD in der Opposition schmorte und wir Jungsozialisten und mit Witzen an dem Regierungsbündnis von CDU und FDP abarbeiteten — oder es zumindest versuchten. Die Leistungen dieser Männer ignorierten wir, schon aus Prinzip.

So ist mein Nachruf auf einen Politiker wie Hans-Dietrich Genscher auch mit der Erkenntnis verbunden, ihn kaum gekannt, ja ihn sogar unterschätzt zu haben. Genscher hatte es, so ist in den Zeitungen zu lesen, nicht einfach. Trotz einer Tuberkuloseerkrankung gab er nicht auf, verfolgte seine Ziele. Man kann sogar zu Recht sagen, er gehört mit zu denjenigen, dem wir die deutsche Wiedervereinigung zu verdanken haben.

Er steht auch für eine Partei, der es um immer nur um den reinen Machterhalt zu gehen scheint. Unter Genscher als Parteivorsitzenden verließ die FDP ihren damaligen Koalitionspartner SPD, stürzte somit Bundeskanzler Helmut Schmidt und verhalf Helmut Kohl zu seiner verdammt langen Amtszeit. Wir wollten daher nicht sehen, was Genscher positives bewirkte.

Eine posthume Entschuldigung ist eine, die zu spät kommt. Was ich aber machen kann, ist mich mit der Person Genscher auseinander zu setzen, um mein Bild von ihm zurecht zu rücken. Eine nachträgliche Würdigung, ein Stück weit auch eine Form der Versöhnung. Mit Genscher geht das. Mit Helmut Kohl wird es eines Tages deutlich schwieriger werden. Und Heiner Geißler ist ein ganz anderes Kapitel.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren