Fremdschämen für Abiturienten

Fremdschämen für Abiturienten

Als Abiturienten schafften wir es 1992 in die Zeitung. Zugegeben, es war lediglich die Lokalzeitung und es waren auch nur unsere Namen. Erst, soweit ich mich erinnere, bei einem der Jubiläumsfeierlichkeiten gab es einen kleinen Artikel mit Bild.

Möglicherweise waren wir zu harmlos. Durchschnittlich, so viel jedenfalls steht fest, traf auf uns in jedem Fall zu. Das bescheinigten uns auch der Schulleiter bei seiner Abschiedsrede für uns. Im Gegensatz zum vorherigen Jahrgang gab es auch keine Schülerin oder Schüler, der ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes bekam. Sei es drum. Spaß hatten wir trotzdem, die Abfifeier war in Ordnung und unser Abschlussstreich harmlos. Extrem harmlos. Das ganze fand auch nur an einem Tag, so etwas wie eine „Mottowoche“ gab es damals noch nicht.

argentum / Pixabay

In Köln im Jahr 2016 ist das alles ein bisschen anders. Eigentlich ziemlich anders. Die hiesigen Abiturienten schaffen es auch vor der bestandenen Prüfung in die Zeitung. Bei uns hieß es „Reifeprüfung“ aber den Zusatz für die Kölner Schüler verkneife ich mir hier mal — aus Gründen. Der Presse, der überregionalen Presse, so muss man sagen, war heute etwas zu entnehmen. Wenn ich in der Süddeutsche Zeitung etwas über Kölner Abiturienten lese, dann müssen die entweder besonders hervorragend sei (vermutlich unwahrscheinlich) oder sich etwas sagenhaftes geleistet haben. Letzteres ist leider der Fall und man kann sich als ehemaliger Abiturient dafür nur fremdschämen.

Während meine Frau und ich am Freitag bei einer Lesung im Rahmen der lit.cologne weilten, ließen in Köln-Ehrenfeld 60 angehende Abiturienten so richtig die Sau raus. Die Feier muss wohl ziemlich aus dem Ruder gelaufen sein, denn es kamen 70 Polizisten, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Beeindruckt hat das die Schülerinnen und Schüler eher nicht, denn erst durch den Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken ließ sich die Bande in den Griff bekommen. Respekt vor den Beamten? Keine Spur, denn es wurde wohl auch versucht, einzelne Schüler wieder aus dem Gewahrsam zu befreien.

Ehrlich gesagt stelle ich mir spätestens an diesem Punkt die Frage, ob die Verkürzung der Schulzeit von neun auf acht Jahre für Abiturienten wirklich eine gute Idee gewesen ist. Kann ja schließlich sein, dass dieses eine Jahr weniger ausschlaggebend für die geistige Reifung ist — den Hinweis auf mögliche Langzeitschäden durch das G8 in Ländern wie Sachsen-Anhalt verkneife ich mir an dieser Stelle.

Wir waren zu Abiturzeiten auch keine Engel. Und natürlich hielten wir uns für die Größten. Für wahnsinnig erwachsen. Widerstand gegen die Staatsgewalt gab es, wenn überhaupt, nur auf Demonstrationen.

Meiner persönlichen Meinung nach, da Abitur für mich immer noch etwas von „Reifeprüfung“ hat, sollten die betreffenden Schülerinnen und Schüler das bekommen, was sie verdient haben. Ein zusätzliches Schuljahr obendrauf, denn ganz offensichtlich gibt es noch eine Menge Defizit, so dass die Versetzung in das „wahre Leben“ gefährdet ist.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren