Der Bodensatz des Staates

Der Bodensatz des Staates

In Bezug auf Krimis bin ich bereist einiges gewohnt. Wohlgemerkt, Krimis, nicht irgendwelche Psychothriller, in denen es nur um möglichst viel Fleisch und Blut geht. Bei Krimis gibt es eine enorme Spannweite von, sagen wir mal, gemächlichen Heimatroman mit einem Plot, der irgendwas mit der Aufklärung eines Verbrechens zu tun hat bis hin zu authentischen bis akribisch-pedantischen Nachzeichnung von Polizeiarbeit.

Die Krimis die ich bisher gelesen habe, egal welcher Kategorie sie angehörten, haftet eines gemeinsam an. Sie sind Fiktion, auch wenn sie unter Umständen auf einem wahren Ereignis beruhen. Bisher hatte ich auch keinen Krimi in der Hand, der so nah an der Wirklichkeit dran war, dass einem eine Gänsehaut über den Rücken läuft. Insbesondere habe ich keinen gelesen, der mich an der vermuteten Wahrheit zweifeln lässt. Seit gestern Abend ist das anders. Die erste Lesung überhaupt, bei der ich für einen kurzen Moment reale Angst um mein Leben hatte. Eine Bombe an Bord des Literaturschiffs, um Autor und Zeugen zu beseitigen.

fantareis / Pixabay

Aber der Reihe nach. Als ich vor Monaten, beim Erscheinen des Programms für die 16. lit.cologne Karten für die Lesung von Wolfgang Schorlau „Die schützende Hand“ erwarb, wusste ich über den Autor nur sehr wenig. Im Bestand befinden sich zwar einige Krimis von ihm, die bisher jedoch ungelesen sind (die Sache mit dem Bücherstapel). Fasziniert hat mich hat von Beginn an, über einen Krimi etwas zu erfahren, der vor dem Hintergrund der NSU-Morde spielt. Ein Krimi, der auf diese Weise ein brisante Thema angeht und allein damit schon das Übliche was man als Leser erwartet umschifft. Oder anders gesagt, ein Krimi, der lohnenswert sein wird zu lesen.

Mit entsprechenden Erwartungen ging ich zusammen mit meiner Frau an Bord. Denglers achter Fall, die Fortsetzung einer Serie des Autors. Niemals sind meine Erwartung an einen Abend dermaßen übertroffen worden! Was Schorlau getan und geleistet hat, ist unglaublich. Krimi? Bei dem was er recherchiert und hat einfließen lassen, weit mehr. Der Handlung des Romans, seine literarische Qualität — geschenkt, ist mir in diesem Fall völlig egal. Meinetwegen kann Schorlau auch geschrieben haben wie ein Drittklässler. Mir war schnell klar, ich muss dieses Buch haben, auch wegen des Anhangs und der Fragen, die Schorlau, geschickt über seinen Privatermittler Dengler, aufwirft.

Am Anfang des Plot steht die Frage „Wer erschoss Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt?“ Einfach wie banal, jeder von uns glaubt die Antwort zu kennen. So auch Dengler. Was Schorlau dann an Wissen in der Diskussion mit Thomas Laue offenlegte, kann ein ganzes Weltbild zusammenbrechen lassen. Das gruselige daran: er belegt alles. Schorlau hat sich soweit in die Materie des NSU-Komplexes eingearbeitet, dass er im Baden- Württembergischen Landtag als Sachverständiger befragt wurde. Hut ab, Herr Schorlau, meinen Respekt!

Natürlich bin ich ein aufmerksamer Zeitungsleser und glaubte, rund um die NSU-Morde und den Prozess gegen Beate Zschäpe viel zu wissen. Zumal mich das Thema auch aus Autorensicht interessiert. Material darüber aus der Presse habe ich bereits einiges gesammelt. Ob das, was in den Ermittlungsberichten stand, auch in den Presseberichten stand, vermag ich nicht zu sagen. Es kann auch sein, dass ich Details gelesen und mir keine Fragen gestellt habe. Die hat sich aber Schorlau gestellt, stellvertretend eigentlich für alle Bürger dieses Landes. Oder zumindest stellvertretend für diejenigen, die nichts vertuschen wollen.

Ein kleines Beispiel aus dem, was gestern Abend zur Sprache kam. Es geht um den entscheidenden Moment im Leben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, als selbiges kurz vor der Beendigung stand. Nach dem Überfall auf eine Bank hatten sie die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen. In ihrem Wohnmobil verschanzt schossen sie ein Mal mit einer Maschinenpistole auf zwei Polizisten. Die Waffe soll dann eine Ladehemmung gehabt haben. Möglicherweise motiviert durch eine „spontane Deradikalisierung“ beschlossen sie dann, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Uwe Mundlos erschoss dann, so will es die offizielle Lesart, zuerst Böhnhardt, bevor er den Brand im Wohnmobil legte und seinem Leben ebenfalls ein Ende setze. Dass alles soll innerhalb von 15 bis 20 Sekunden passiert sein, so die Aussage der beiden Polizisten. Gefunden wurde im Wohnmobil zwei Patronenhülsen.

Genau das hat mich dann, mit der Nase drauf gestoßen, stutzig gemacht. Schorlau führte nämlich aus, womit das Leben von Böhnhardt und Mundlos beendet wurde. Es war eine Pumpgun vom Typ Winchester. Die kennt man als geneigte Krimi-Fan aus zahlreichen Filmen. Wikipedia schreibt dazu folgendes:

… ist eine Repetierflinte, der Schütze muss nach jedem Schuss durch Zurückziehen des beweglichen Vorderschafts eine neue Patrone aus dem Röhrenmagazin unter dem Lauf nachladen. Die leere Patronenhülse wird dabei nach rechts ausgeworfen.

Vereinfacht gesagt: die Hülse wird erst beim Nachladen ausgeworfen. Erster Schuss, Mundlos tötet Böhnhardt. Lädt nach, die Hülse wird aufgeworfen. Zweiter Schuss, Mundlos tötet sich selber, lädt nach und die Hülse wird ausgeworfen. Finde den Fehler.

Mit den Unstimmigkeiten rund um das Ableben geht es weiter. Der Tatort wurde nicht gesichert. Statt dessen wurde ein privater Abschleppdienst damit beauftragt, das Fahrzeug zu bergen. Durch die Bewegung und die damit verbunden Schräglage können schon mal — kann sich jeder vorstellen. Kaum noch vorstellbar ist, dass das ausgebrannte Wohnmobil unbewacht in einer privaten Halle über Nacht abgestellt wurde, bevor man es am nächsten Tag untersuchte.

Der Krimi von Schorlau trägt den Titel „Die schützende Hand“. Am Ende wird man eine Ahnung haben, was damit gemeint ist und viele Fragen an den Staat haben. Schorlau hat mit Sicherheit, so viel traue ich mich bereits jetzt zu sagen, ein Buch geschrieben, welches aufrüttelt.

Hier muss man keine Lesempfehlung geben, sondern kann jedem nur nahelegen, den Krimi sofort zu kaufen. Er wird einen verändern, so viel steht fest.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren