Kaltwassertherapie

Kaltwassertherapie

Jemand hat mir kürzlich die große Schüssel mit Ausreden von meinem Schreibtisch entwendet. Also gebe ich es zu, mein erstes Fahrrad hatte Stützräder. Klar könnte ich behaupten, auch andere aus meiner Klasse hätten damals so Fahrradfahren gelernt. Nur saß ich auf dem Fahrrad lange bevor ich zur Schule ging.

In einem unbemerkten Moment wurden bei meinem Fahrrad die Stützräder entfernt. Ähnlich hinterrücks wie die Sache mit der oben erwähnten Schüssel. Überlebt habe ich es trotzdem. Manchmal muss man eben zu seinem Glück etwas geschubst werden. Oder anders gesagt, es ist der Stoß ins kalte Wasser, um Schwimmen zu lernen. Wobei das Bild etwas schief ist, denn die Anzahl der Personen, die ertrinken würde, wäre doch etwas hoch. Als Beinah-Rettungsschwimmer weiß ich, wovon ich da schreibe.

Minolta 50mm/1.7 MD
Minolta 50mm/1.7 MD

Wie dem auch sei, manchmal ist es notwendig, auf die harte Tour zu lernen. Viele Hilfsmittel, Stützräder, Schwimmflossen oder auch die Technik nehmen uns eine Menge ab. Leider aber auch die Selbständigkeit.

Seit Sommer letzten Jahres bin ich im Besitz eine Systemkamera, eine Sony Alpha 6000. Die hat einen ziemlich guten Automatikmodus. Auch die Szenenautomatik ist klasse. Geholfen hat es mir, bessere Bild als mit dem iPhone zu machen. Nicht geholfen hat es mir dagegen, Grundzusammenhänge zu verstehen. Das Zusammenspiel von Belichtungszeit, Blende, ISO — und so einiges mehr blieben ein Buch mit sieben Siegeln für mich. Es half auch nichts, sich etwas dazu anzulesen. Begreifen ist oftmals auch mit selber tätig werden verbunden.

Mit den halbautomatischen Modi bei meiner Kamera kam ich kaum zurecht. Die Bilder waren allesamt unbrauchbar. Der komplett manuelle Modus klappte bei mir besser, aber die Bequemlichkeit welche die Automatik bot, lockte zu sehr. Stützräder halt.

Am vergangene Wochenende fielen mir Sensorflecken in einigen meiner Fotos auf. Beim zurück blättern im Archiv konnte ich feststellen (keine Ahnung, ob mich das wirklich beruhigte), dass diese Flecken schon etwas länger in Unwesen trieben. Zur Abhilfe bestellte ich einen Blasebalg, schob aber dessen Einsatz auf das Wochenende. Für so was brauche ich Ruhe und Zeit, den „mal eben“ bei empfindlicher Elektronik kann schnell zu etwas führen, was man dann eine lange Zeit bereut.

Als ich heute dann das Kit-Objekt abschraubte, den Sensor reinigte, nutze ich die Gelegenheit, in dem Zusammenhang auch direkt ein anderes Objektiv abzuschrauben. Und zwar das manuell Minolta Objektiv 50mm/1.7 MD — im September letzten Jahres gekauft und noch nie verwendet.

Manuelles Objektiv ist gleichbedeutend mit dem kalten Wasser. Damit kann man nur noch manuell Fotografieren. Trotz des eher bescheidenen Wetters zog ich damit um die Häuser, eine kurze Strecke zwischen Nippes und Bilderstöckchen (natürlich habe ich vergessen, die Route aufzuzeichnen).

Zum ersten Mal verstand ich das Zusammenspiel zwischen Blende, ISO und Verschlusszeit. Da die Kamera sich ohne meinen Eingriff dumm stellte, muss ich alles selber einstellen. Es machte riesigen Spaß. Vor allem auch hinterher in Lightroom, als ich schon an Hand der Rohdaten sehen konnte, wie viel mehr ein lichtstarkes Objektiv ausmacht. Mit dem Ergebnis bin ich in jeder Hinsicht zufrieden. Es sind ein paar tolle Bilder entstanden und gelernt habe ich auch eine Menge.

Unterwegs beim wandern auf längeren Strecken wird das Objektiv allerdings zu Hause bleiben. Es wiegt ein ordentliches Stück (auch durch den Adapter) mehr als mein Kit-Objektiv.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren