Doppeltes Heimspiel

Doppeltes Heimspiel

Diese Woche findet in Köln die Bildungsmesse didacta statt. Wenn ich dort hingehe, dann eigentlich nicht beruflich. Bekanntlich mach ich nicht in Wissen, sondern in Webseiten. Dennoch war ich heute beruflich auf der Messe. Ein Kunde unser er Agentur wollte sich zwecks Projektbesprechung dort mit uns treffen.

Für mich ein Heimspiel. Eigentlich sogar ein doppeltes. Ganz offensichtlich ein Heimspiel, weil die Anreise von Nippes nach Deutz alles andere als langwierig und kompliziert ist. Länger schlafen, früher zu Hause sein. Ein Termin mit Vorteilen — auch wenn es ein anstrengender Termin werden würde, so viel war mir schon im Vorfeld klar.

Was mir jedoch nicht klar war — aber da sind wir dann schon mitten im zweiten Heimspiel, ohne das ich den Anfang erklärt habe. Als jemand, der mal Lehramt Primarstufe (ich wollte ernsthaft Grundschullehrer werden) studiert hat, ist eine Messe, die sich insbesondere an Lehrerinnen und Lehrer als Zielgruppe richtet, auch zumindest eine Art Heimspiel für mich (und im Zweifel bin ich auch noch mit einer Lehrerin verheiratet).

Integration in der Diskussion
Integration in der Diskussion

Ziemlich gut kann ich mich an meinen allerersten Besuch der didacta erinnern, damals in den 90er Jahren noch in Dortmund. Mitgenommen hatte ich mir neben einer laminierten Deutschlandkarte der Bundeszentrale für politische Bildung (welche jahrelang in der Küche hin, also die Karte) das Baumeisterspiel. Die Vor-vor-Version von dem, was auf der Webseite des Herstellers Logika zum Verkauf angeboten wird, besitze ich immer noch. Aus Sentimentalität steht es gerade wieder vor mir. Und das ist dann auch das Stichwort.

Bereits vor dem Einlass wurde mir eines schmerzlich bewusst. Mit den anderen Besucherinnen und Besucher gibt es, anders als bei vielen anderen Messen und Veranstaltungen, eine über 90 prozentige Übereinstimmung. Möglicherweise gibt es auch einen Kleidungskodex, dem ich mich unbewusst und freiwillig unterworfen habe. Anders ausgedrückt ist die didacta eine Messe, wo ich mich sofort wohlgefühlt habe. Im Herzen bin ich wohl doch Lehrer. Gleichzeitig ist das schmerzlich und bitter, denn es eine Entscheidung, es nicht zu werden, die ich nun mal an einem gewissen Punkt im Leben getroffen habe. Mittlerweile fürchte ich ist diese sogar unumkehrbar.

Vor dem Kundentermin hatte ich genügend Zeit und das auch so eingeplant. So konnte ich durch die Hallen schlendern, mir Materialien ansehen, bei dem im Kopf manchmal sogar ein Unterrichtskonzept zu entstand. Das mich der LEGO-Stand beeindruckt hat, muss ich kaum betonen. Möglicherweise, so wurde mir klar, hätte ich Informatik und Sozialwissenschaften studieren sollen. Zwei meiner Abiturfächer, die mich wirklich glücklich gemacht haben.

In einer Halle kamen mir dann auch noch drei Kinder aus der fünften Klasse entgegen, mit schwarzen T-Shirts. Drauf stand groß KDG, klein „Konrad-Duden-Gymnasium Wesel“. Führen wir das lieber nicht weiter aus, was das ausgelöst hat bei mir.

Über die Bundeswehr auf der didacta habe ich mich weniger gewundert als über eine ganze Hand voll Anbieter von fertigen Menüs wie apetito, die alle darum buhlen, Schulen zu beliefern.

Hängen geblieben bin ich bei zwei Diskussionsrunden, in denen zufälligerweise beides Mal NRW-Bildungsministerin Sylvia Löhrmann vertreten war. In der ersten Runde ging es um das sehr heiße Thema Inklusion. Hier sind Lehrer gefordert, eigentlich auch überfordert. Spannend fand ich es von Dr. Franz Lemayr zu hören, wie Inklusion in Südtirol verwirklicht wird. Hier gibt man bewusst mehr Geld für Bildung aus als bei uns. Zudem haben Inklusionsklassen maximal 20 Schüler, eine unterstützende Kraft ist niemals einem Schüler, sondern immer der Klasse zugeordnet. Dafür gab es aus dem Publikum viel Beifall.

„Mitleid ist keine Kategorie des Rechts.“
Günther Beckstein

Genauso aktuell ist das Thema Integration und Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen, die der Schulpflicht unterliegen. Hier bekam ich lediglich die Abschlussdiskussion mit. Günther Beckstein, wies zu Recht darauf hin, wie schwierig es für muslimische Flüchtlinge es sei kann, wenn sie explizit christliche Hilfe bekommen. Gleichzeitig zeigte er auch, wie es um die Religion in Deutschland bestellt ist. Während Flüchtlinge sich eher stärker zu ihrem Glauben bekenne, würde hier die Mehrheit der Menschen eher glaubensfern leben. Für ihn eine Chance, voneinander zu lernen.

Hängen geblieben bei mir ist die Wehmut. Die Einsicht, vielleicht doch zu kurzsichtig gehandelt zu haben. Daneben die Erkenntnis, wie genial es gewesen wäre, für eine deutsche Schule im Ausland zu arbeiten. Und ja, was andere zu Hause als Teppich haben, trägt Frau Löhrmann als Jacke — aber das wusste ich bereits.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren