Selbstgestrickte Wahrheit

Selbstgestrickte Wahrheit

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.“ heisst es in einem bekannten Zitat, welches verschiedenen historischen Persönlichkeit zugeschrieben wird. Propaganda ist wurde und wird zudem als Mittel benutzt, um eine eigene Wahrheit zu stricken. Gestrickt beziehungsweise gedreht wird auch von sogenannten Spin-Doctors in Friedenszeiten, im Auftrag von Firmen und Politikern zum Beispiel, die eine ganze eigene Version der Wahrheit benötigen.

Die Wahrheit, so scheint es, ist das, was wir zu ihr machen. Und hinter der Wahrheit steckt die Intention. Eine Lüge dient immer einem Ziel, sie ist niemals zweckfrei. Als Kind lernt man solches, wenn man Sanktionen für etwas, was man ausgefressen hat, vermeiden will. Vollständige zweckfreie Lügen sind vermutlich eine Form der Unterhaltung, bei denen die Beteiligten um die Lüge wissen.

LoboStudioHamburg / Pixabay

Zwei Lügen aus vergangenen Tagen beschäftigen mich momentan. Zwei Vorfälle in Berlin.

Ein ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer erfand einen Syrer, welcher nach tagelangem anstehen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales verstorben sei. Schnell verbreitet sich die Meldung über die sozialen Netzwerke, die Betroffenheit war groß. Mutmaßungen wurden geäußert, ein Schuldiger am Tod des Flüchtlings wurde gesucht. Offensichtliche Mängel in der Versorgung kamen ans Licht. Aber auch später die Wahrheit. Es gab keinen Toten.
Wem nützte die Lüge, die in diesem Fall besonders kurze Beine hatte? Sicher nicht den Flüchtlingen selber. Eher das Gegenteil ist anzunehmen. Über die Motive des Mannes kann nur spekuliert werden. Wollte er auf Missstände aufmerksam machen? Dann war es ein Bärendienst. Der Fall ist derzeit noch ziemlich dubios.

Eindeutiger, zumindest in Bezug auf die Interessenlage ist der Fall. Ein 13-jähriges Mädchen verschwindet mitten in der Großstadt für rund 30 Stunden. Dann taucht es wieder auf, die Polizei ermittelt und verschweigt erstmal Details, aus Rücksicht auf das Mädchen. Soweit eine „normale“ Geschichte. Die 13-jährige stammt aus einer russlanddeutschen Familie. Und das war wurde der Wahrheit zum Verhängnis. Obwohl die Polizei zeitnah mitteilte, dass das Verschwinden des Mädchens in keinem Zusammenhang mit einem Sexualedikt steht, wurde das Gerücht verbreitet, sie sei vergewaltigt worden — von mehreren Flüchtlingen.

Russlanddeutsche und NPD-Anhänger (finde die Ironie!) demonstrieren gemeinsam für mehr Sicherheit und gegen Kindesmissbrauch. Im russischen Staatsfernsehen wurde darüber berichtet, der russische Außenminister warf Deutschland unter anderem Vertuschung vor. Es eskalierte soweit, dass sich Bundesaußenminister Steinmeier dazu genötigt sah, dazu Stellung zu nehmen. Seinerseits warf er Russland vor, den Fall für politische Propaganda zu nutzen. Er verbat sich eine Einmischung in innerdeutsche Angelegenheiten.

Wie die Süddeutsche Zeitung heute schrieb, erhofft sich die russische Regierung möglicherweise, durch die Schuldzuweisung von eigenen Fehler abzulenken. Man zeigt mit dem Finger auf andere Staaten und Regierungen, wirft denen Vertuschung, Versagen vor und behauptet, die Bürger in den entsprechenden Ländern wären nicht mehr sicher. Keine schlechte Idee, wenn man es selber mit den Menschenrechten selber nicht so genau nimmt und gerne auch mal unbequeme Oppositionelle im Ausland ermorden lässt.

In den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes bleibt von dem vermutlich wenig hängen. Und wenn, dann leider das Falsche. „Kriminelle Ausländer vergewaltigen unsere Frauen und Kinder“ — gestärkt die Vorfälle in der Silvesternacht festigt sich ein gefährliches, falsches Weltbild. Selbst der tote Syrer wird vermutlich dann im übertragenen Sinne zu einem Simulanten. „Die täuschen uns, um unsere Mitleid zu erheischen.“

„Etwas ist bestimmt daran, sonst hätten das andere nicht auch erzählt.“

Die Wahrheit hat es nicht leicht. Ist eine Lüge erstmal in der Welt, wird es um so schwerer, ihr beizukommen.

Wir sollten niemals ungeprüft Informationen verbreiten. Verifizieren, recherchieren, weitere Quellen hinzuziehen. Dazu auch etwas mehr Vertrauen in unsere Presse haben und uns schützend vor sie stellen, wenn man sie „Lügenpresse“ schimpft.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren