Plädoyer für das Spielen

Plädoyer für das Spielen

Milde belächelt werde ich das eine oder andere Mal, wenn ich anderen Menschen erzähle, ich würde gerne spielen. Man mustert mich dann von oben bis unten mit einem Blick, der sagen will „du bist doch schon lange erwachsen, warum spielst du denn noch?“. Selbst wenn ich mit LEGO-Steinen spielen würde, sollte es doch egal sein. Aber es sind „lediglich“ Brett- und Kartenspiele, für die mein Herz schlägt.

Spielen ist ein Hobby, wie vieles andere auch, dem der Mensch zum Zeitvertreib (das greifen wir gleich noch mal auf) nachgehen kann. Im Studium habe ich damals auch ein paar Vorlesungen außerhalb meiner eigene Fächer belegt, einfach weil sie mich interessierten. Ein Seminar drehte sich um die Nikomachische Ethik von Aristoteles.

MasterTux / Pixabay

Laut Aristoteles sei das Ziel des menschlichen Lebens, das gute Leben, das Glück. In der Nikomachische Ethik spricht er von trefflichen Tätigkeiten / Ziele. Etwas, was man um seiner selber willen tut, ohne ein „um zu“. Zweckfreiheit oder einfach weil es einen glücklich macht.

Musik spielen, weil man Freude daran hat, Bilder malen einfach weil man es kann. Oder eben mit anderen Menschen zusammen sitzen und spielen. Einfach nur so.

Für mich sind Spiele Kulturgut und im Spielen ist der Mensch richtig Mensch (was bei Musik, Literatur und anderen Tätigkeiten auch so gilt). Aus diesem Grund hat mich ziemlich betroffen gemacht, als ich Ende der vergangenen Woche las, dass in Saudi-Arabien der Großmufti Scheich Abdulaziz Al al-Sheikh in einem religiösen Gutachten (Fatwa) Schach für unvereinbar mit dem Islam erklärt hatte — was einem Verbot des Schachspiels für gläubige Muslime gleichkommt.

Schach sei eine Verschwendung von Zeit (und Geld), behauptet der Großmufti, daneben soll es auch noch süchtig machen.

So what? Von einer Zeitverschwendung würde ich nicht sprechen, eher von Zeitvertreib, lieber noch von einer trefflichen Tätigkeit. Schach ist ein Spiel und wenn so ein Großmufti sich gegen Schach ausspricht, stellt er damit alle anderen Spiele auch an den Pranger. Was für ein Irrsinn! Das Leben besteht nicht ausschließlich aus arbeiten und beten — für Mönchen vielleicht schon, aber der Rest von uns will einfach nur glücklich sein.

Spielen ist nicht moralisch verwerflich. Es mag Formen des Glücksspiels geben, auf die das zutrifft, aber das wäre dann eine ganz andere Debatte. Zudem ist Schach meiner Meinung nach alles andere als ein Glücksspiel. Das hätte Abdulaziz Al al-Sheikh auch einfach mal ausprobieren können, mit ein paar Spielen gegen einen Schachprofi. Er hätte nie gewonnen, weil es bei Schach um Können geht. Aber gut, mit solchen Feinheiten kann sich ein Großmufti schließlich nicht auseinandersetzen.

Allerdings sollte man sich davor hüten, herablassend auf Großmufti zu blicken. Die Verurteilung von Schach ähnelt in gewisser Weise nämlich dem, was man auch in unserem Land als Spieler immer wieder erlebt. Sicher, es gibt keine Fatwa, aber die eingangs erwähnten merkwürdigen Blicke. Wer gar zur Gruppe der Konsolenspieler gehört, kann als Erwachsener davon sicher ein Lied singen. Es muss noch viel dafür getan werden, damit in den Köpfen der Menschen endlich ankommt, was Schach und andere Spiele, explizit auch Videospiel sind: Kulturgut. Diese Aufklärungsarbeit muss nicht nur in Saudi-Arabien, sondern auch in Deutschland geleistet werde.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren