Löwenzahn im Bundestag

Löwenzahn im Bundestag

Als Kind mochte ich die Sendung „Löwenzahn“ mit Peter Lustig. Der wohnte in einem Bauwagen, hinterfragte Dinge die er nicht verstand und wirkte auf mich gar nicht wie ein typischer Erwachsener — obwohl er nach jeder Folge dazu aufforderte, den Fernseher doch abzuschalten.

Dingen auf den Grund zu gehen, sie zu hinterfragen und Sachverhalte ruhig und verständlich zu erklären. Genau so was wünsche ich mir derzeit von unseren Politikern, nicht nur im Bundestag. Statt dessen stehen sie im Wettbewerb darum, immer schriller, lauter zu werden und maximal Verschärfung in Bezug auf Flüchtlinge zu fordern. Mittlerweile geht das quer durch alle Parteien, sogar „Die Linke“, allen voran Sahra Wagenknecht wirft Fragen auf, die man eher im rechten politischen Spektrum vermutet hätte.

beeki / Pixabay

Zusätzlich kommt es zu merkwürdigen Verzerrung. Wenn ich, der sich eher links im Spektrum sieht, Mitleid mit Bundeskanzerlin Angela Merkel habe, dann läuft etwas gehörig schief. Merkel wird inzwischen innerhalb ihrer eigenen Partei / Schwesterpartei ins Kreuzfeuer genommen und angezählt auf Grund ihrer vormaligen Haltung „Wir schaffen das“ — bezogen auf die Flüchtlinge. Sigmar Gabriel, Parteivorsitzender der SPD, Wirtschaftsminister und Vizekanzler — mittlerweile erinnert er mich an den Großwesir Isnogud, der unbedingt „Kalif anstelle des Kalifen werden“ will — hält erneut sein Fähnchen in den Wind und vollzieht einen Schwenk. Vormals von ihm selbst abgelehnt, fordert er nun Flüchtlingskontingente.

Allein schon beim Begriff dreht sich mir der Magen um. Was soll das denn sein, so ein Flüchtlingskontingent? Eine Obergrenze, bei deren Erreichen keiner mehr ins Land kommt? Man muss sich das wirklich bildlich vorstellen. An der Grenze Zoll, Polizei, Bundesgrenzschutz, Bundeswehr (etc.). Am Zaun eine lange Schlange mit Flüchtlingen. Es wird eine Strichliste geführt, plötzlich ruft jemand „Stop!“ und kein weiterer kommt mehr rein. Wer drin ist hat Glück gehabt, der Rest wird seinem Schicksal überlassen — wer will, kann ja wieder über das Mittelmeer zurück in seine Heimat schwimmen.

Endgültig kotzen könnte ich, wenn ich über Gabriel bei tagesschau.de so was lese:

Zwar stimme der Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Asylrecht kenne keine Obergrenze, „aber in einer Demokratie entscheiden die Bürger.

Seit wann ist man denn zu solch einer Einsicht gekommen? Typen wie Horst Seehofer leiern so was auch immer runter — merkwürdigerweise aber nur dann, wenn es ihnen in den Kram passt.

Wenn Sigmar Gabriel wirklich der Meinung ist, in einer Demokratie würde der Bürger entscheiden, warum werden dann die TTIP-Verhandlungen nicht sofort abgebrochen? Auf den Rücken von Menschen, die aus Angst um ihr Leben die Heimat verlassen haben wir hier versucht, sich zu profilieren.

Es fehlen Politiker, die wirklich Mut haben. Die die Zusammenhänge erklären, den Bürgerinnen und Bürgern ganz deutlich sagen, warum zum Beispiel eine Abschiebung nicht immer möglich ist. Warum schärfe Gesetze keine Wirkung zeigen werden. Und vor allem Menschlichkeit vorleben.

Im Vorspann von „Löwenzahn“ durchbricht die gleichnamige Pflanze den Asphalt. Man wünscht sich bezogen auf den Bundestag Menschen, die ihre eigenen Denkmuster durchbrechen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren