Stadtei oder Landkind?

Drüben bei Anne bin ich auf die Blogparade zum Thema „Stadt oder Land?“ gestolpert, die Ilona initiiert hat. Wo lebt man selber gerne, wo ist man aufgewachsen? Letztendlich auch um den Punkt, wie man selber für sich Lebensqualität definiert. Für die einen ist das mit einer pulsierenden Großstadt verbunden, andere brauchen die Einsamkeit um durchatmen zu können.

Von Anne habe ich eins mit genommen als Eindruck: was es heisst, wirklich auf dem Land groß geworden zu sein. Meine Definition von „auf dem Land aufgewachsen“ war bisher eine andere, ich muss das auch für mich mal korrigieren. Eine Stadt mit 60.000 Einwohnern ist schon richtig groß im Vergleich zu einem Dorf mit 50 Einwohnern.

Landei aus Bodenhaltung

Dennoch stamme ich aus Bodenhaltung und würde auch behaupten, ein Landei zu sein. Wegen der Bauern in der Verwandtschaft genauso wie wegen der Gegend, in der ich aufgewachsen bin.

Auch wenn in Wesel-Lackhausen (benannt nach der ansässigen Lackfabrik) über die Jahre einiges gebaut wurde, sieht es rund um das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, immer noch so aus:

Dort in der Bildmitte habe ich gewohnt. Am Großen Kamp 12. Im Sommer umschlossen von Feldern, besonders wenn Mais gepflanzt war, lag man fast isoliert. Bis in die Innenstadt waren es rund 2,5 Kilometer. Da steppte zwar nicht der Bär im Kettenhemd, aber verglichen mit einem Dorf irgendwo in der Eifel, zum Beispiel, wurde einiges geboten — wurde deshalb, weil die Stadt seit einigen Jahren dabei ist zu sterben.

Aufgewachsen also irgendwie in einer Kleinstadt, nicht im Dorf, gefühltes Landei — würde ich mal sagen. Bevorzugtes Verkehrsmittel war lange das Fahrrad, das blieb auch bis zum Führerschein so. Und selbst mit dem hielten sich die Ausflüge in andere Gefilde in Grenzen. Wirklich in Großstädte wie Duisburg oder Köln ging es mit der Bahn.

Als Kind habe ich nie wirklich darüber nachgedacht, ob mir Großstädte oder das Land besser gefallen. Wenn man klein ist, ist alles andere groß. Anders sah es dann aus, als ich älter wurde. Jugendliche verspüren häufiger einen Freiheitsdrang, in der Hinsicht war ich keine Ausnahme. Freiheit, das war die Großstadt. Spätestens seit einer Klassenfahrt nach Berlin trug ich die Überzeugung mit mir herum, nur in Großstädten glücklich werden zu können.

Auf in die Großstadt!

Zum Studium ging es dann nach Bielefeld. Mit seinen rund 360.000 Einwohner schon eine enorme Verbesserung, dachte ich. Wer Bielefeld kennt, wird über so viel Naivität schmunzeln. Tatsächlich fühlte ich mich (auch gegenteiligen Aussagen hier im Blog zu trotz) recht wohl. Andernfalls wäre ich kaum rund 16 Jahre dort hängen geblieben. Bielefeld ist größer als Wesel. Mir fehlte allerdings etwas, was überhaupt nicht mit der Größe zu tun hat: der Rhein. Oder ein vergleichbarer Fluß.

Während meiner Zeit in Bielefeld betrachtete ich Wesel oft als ein Paar Schuhe, welches zu klein geworden ist. Als für meine Frau und mich schließlich feststand, dass wir aus beruflichen Gründen nach Köln ziehen würden, fiel mit der Abschied von Bielefeld leicht. Eine Weiterentwicklung, eine echte Großstadt würde uns erwarten. Und wiedermal hatte ich keine Ahnung! Köln ist Millionenstadt, so viel steht fest. Ein riesiges Angebot, zumindest für die Freizeit. Was einkaufen angeht, nun ja, aus einer Vielzahl von Gründen bleibe ich Veedel, also in Nippes. So wie wir in der autofreien Siedlung wohnen, hat es schon fast etwas von einem Dorf.

Apropos autofrei. Sowohl in Bielefeld als auch in Köln komme ich wunderbar ohne eigenes Auto zurecht. Wann ich zuletzt selber hinter einem Steuer gesessen habe, weiss ich schon nicht mehr. Meine Fahrpraxis dürfte entsprechend gegen Null gehen.

Licht- und Schattenseiten einer Großstadt

Machen wir uns nichts vor, Köln ist laut, dreckig, stickig und beengt. Man kann hier wirklich in Bezug auf das Freizeitangebot aus dem Vollen schöpfen. Und ehrlich, ich liebe es essen zu gehen. Ich schätze die Möglichkeiten, die Anbindung an den Rest des Landes per Zug und vieles mehr. Aber mein Herz schlägt nicht für eine Großstadt, so viel weiß ich mittlerweile. Stadtei, Landkind — was bin ich denn nun? Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, mich für etwas zu entscheiden. Ich will kein Auto fahren müssen, ich will Dinge wie Ärzte in der Nähe habe (ab einem gewissen Alter rückt so was in den Fokus). Ich will den Luxus von mehr als einer Sorte Parmesan im Supermarktregal. Und ich will schnelles Internet.

Aber ich möchte auch Ruhe und durchatmen können. Nachbarn sind nett, aber viel Luft zwischen ihnen und mir gefällt mir auch. Raus in die Natur zu können, ist mir extrem wichtig.

Ein Kompromiss

Bedenke ich alle Faktoren, stellt Köln derzeit ein Kompromiss dar. Meine Frau leben hier nicht nur aus beruflicher Notwendigkeit. Anderswo ist auch schön, aber um dort leben zu können, muss eine Menge passen. Um zum Beispiel in der Eifel leben zu können, müssten sich zu viele Faktoren ändern. Eine größer Stadt muss in Reichweite der eigenen Mobilität sein. Emotional würde ich mich an der Nordseeküste sehen. Wobei die Region dort mittlerweile nicht mal mehr für einen längeren Urlaub taugen würde. Zum Wandern brauche ich die Herausforderung, Strecken mit Steigung. Süddeutschland, sagen wir mal Freiburg, wäre passend. Mentalität und Dialekt wären mir da jedoch eher fremd. Von Köln aus ist alles irgendwie erreichbar. Für einen längeren Urlaub genau so wie für einen Kurztrip.

Mein Fazit

Im Kern bin ich ein Landmensch, oder wie ich es auch gerne sage, ein Landei. Menschenmassen mag ich nicht um mich herum, ich ziehe die Natur der Stadt vor. Trotzdem bin ich ein Mensch, der Einkaufsmöglichkeiten genauso wie Kultur benötig wie die Luft zum atmen. Wenn ich etwas aus den vergangenen Jahren gelernt habe, dann mich nicht endgültig festzulegen. Heute weiss ich noch nicht, wo ich in zehn Jahren sein werde. In einer Stadt, irgendwo auf dem Land, wo auch immer. Aber es ist auch gar nicht schlimm. Es wird auf mich zukommen.

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