Ein Gutmensch

Ein Gutmensch

Seit 25 Jahren gibt es die Aktion „Unwort des Jahres“, bei der Mitglieder einer Jury ein herausragendes „Unwort“ wählen. Damit möchte man, so steht es zumindest in den Grundsätzen „auf öffentliche Formen des Sprachgebrauchs aufmerksam machen und dadurch das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern“. Für das zurückliegende Jahr 2015 wurde „Gutmensch“ gekürt.

Soweit ich mich zurückerinnern kann, nimmt man die Meldungen zum „Unwort des Jahres“ zur Kenntnis, denkt vielleicht kurz darüber nach oder macht sich lustig darüber, bevor man wieder zur Tagesordnung übergeht. So ähnlich habe ich mich bisher immer verhalten. Diesmal ist es allerdings etwas anders. Zum ersten Mal zucke ich innerlich zusammen, wenn ich höre, das „Gutmensch“ zum Unwort erklärt wurde. Zum ersten Mal hinterfrage ich den Sinn der Aktion sowie die Legitimation der Jury.

Didgeman / Pixabay

Es mag sein, dass der Begriff mittlerweile völlig anders verwendet wird als ursprünglich. Vornehmlich Personen aus dem rechten Lager haben ihn in den letzten Monaten benutzt, um damit Menschen zu stigmatisieren, die Flüchtlingen helfen. Menschen, die sich dem braunen Mob entgegenstellen, Zivilcourage zeigten. Sagte man „Gutmensch“, sollte zum Ausdruckt gebracht werden, der andere sei dumm, naiv und weltfremd so wie von einem Helfersyndrom geprägt (so die Meinung der Jury).

Dabei ist das Wort und seine Verwendung schon etwas älter, nur das früher aus dem linken Lager gegen Menschen geschossen wurde, die angeblich Analyse durch Gefühle ersetzten, wie die taz schreibt.

Meiner persönlichen Ansicht nach sind Gutmenschen Menschen, die handeln statt zu zögern. Die aus einem Impuls heraus helfen, Mitgefühl zeigen. Genau daran kann ich nichts schlechtes finden, im Gegenteil. Eigentlich sollte man eher stolz darauf sein, als Gutmensch bezeichnet zu werden. Und statt das Wort zum Unwort des Jahres zu erklären, sollten die diffamierten Gutmenschen den Begriff ihrerseits kapern und für sich verwenden. Eine Umdeutung ins Positive, wenn man so will. Sprache ist letztendlich auch das, was man draus macht. Von angebliche Autoritäten vorschreiben zu lassen, wie sie zu verwenden ist, sehe ich kritisch.

Generell sei auch die Frage berechtigt, ob die Wahl des Wortes wirklich das abbildet, was 2015 die öffentlich Diskussion bestimmt hat. Meiner Meinung nach ist dem nämlich nicht so. Mein Unwort des Jahres wäre „Flüchtlingswelle“ gewesen. Eine Bezeichnung, die Menschen die in Not ihr Heimatland verlassen, mit einer Naturkatastrophe gleichsetzt. Wenn die Jury einen Anspruch an sich hat, dem sie gerecht werden will, dann mit der Wahl eines solchen Wortes.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren