Eine Bombe ist kein Schicksal

Eine Bombe ist kein Schicksal

Schicksal, Zufall, Vorsehung — solche oder ähnliche Begriffe verwenden wir imm dann, wenn wir uns etwas nicht erklären können, nicht erklären wollen. Manchmal ist man eben zur falschen Zeit am falschen Ort. Oder man bekommt etwas mit, was zu einer Änderung im Verhalten beziehungsweise Tagesablauf führt.

Der Anschlag gestern vor der Blauen Moschee in Istanbul hat nicht nur die Türkei erschüttert. Zehn Tote, mehrere Schwerverletzte. Es sei offensichtlich Ziel gewesen, ganz bewusst Touristen zu treffen. Im Krimi hört man oft den Mörder zum Opfer sagen, es sei nichts persönliches — wobei es nicht „persönlicheres“ gibt als jemanden das Leben zu nehmen. Den Terroristen in der Türkei ging es wohl auch nicht um einen einzelnen ihnen bekannten Menschen, sondern allein um die Ausübung von Gewalt, der Verbreitung von Schrecken. Den überlebenden Opfern und Angehörigen wünscht man, dass ihnen niemand sagt, sie wäre zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Wie aber erklärt man dann, warum gerade sie sterben mussten? Kann es überhaupt erklärt werden?

romanov / Pixabay

Erklärungsversuche gehen häufiger Hand in Hand mit Ratschlägen, wie reale oder mutmaßlich gefährliche Situationen zu vermeiden seien. Deren Befolgung wird sicherlich das Risiko verringern, völlige Sicherheit wird es jedoch nicht geben. Gleichzeitig kann jedoch eine Minderung des Risikos auch eine Einschränkung der Freiheiten bedeuten.

Den Hinterbliebenen ist es auch selten ein Trost, wenn ihnen versichert wird, künftig würde so was nicht mehr vorkommen. Selbst Rache, sofern als Form der Strafe noch vorgesehen, ist kein Trost — sondern eben Rache. Sie befriedet nicht, führt eher zu einer Spirale der Gewalt.

Vielleicht hilft hier der Glaube, in der einen oder anderen Form. Grundsätzlich ist er nämlich keine so schlechte Erfindung des Menschen. Glauben kann man an vieles, sogar an Parallelwelten. Es hört sich nach billigem Science Fiction an — und ist möglicherweise angesichts der Toten in Istanbul (und anderswo) völlig unangemessen, solcherlei anzusprechen. Mich aber tröstet es mitunter mir vorzustellen, in einer Parallelwelt würden die Toten noch leben. Die Bombe hätte dort einfach nicht gezündet, oder es hätte den Attentäter nie gegeben.

Wie komme ich auf diese, vielleicht wirklich bescheuerte, Vorstellung? Gestern gab es nicht nur eine Bombe in Istanbul, sondern auch in Essen. Dort wurde bei Bauarbeiten eine Bombe aus dem 2. Weltkrieg in der Gegend am Europacenter gefunden. Nur durch Zufall erfuhr ich von dem Fund (ein Spieleverlag berichtete über die anstehende Büroräumung bei Facebook). Ich schaffte es, mich auf die Räumung einzustellen und verließ Essen noch so rechtzeitig, dass ich den ICE Richtung Köln nehmen konnte. Vor der Entschärfung wäre auch der äußere Bereich betroffen gewesen, so dass der Bahnverkehr vorübergehend eingestellt worden wäre.

Heute morgen kam ich wieder am Bahnhof in Essen an, konnte ganz normal zum Büro fahren. Offensichtlich war die Entschärfung der Bombe erfolgreich. Es hätte auch anders ausgehen können. Möglicherweise wäre mir die Vorabinformation entgangen. Oder, oder, oder…
Das Leben kann zu jeder Zeit ganz viele Abzweigungen nehmen.

So völlig verschieden die Bombe in Essen und die in Istanbul auch sind, eines haben sie gemeinsam. Sie sind nicht zufällig, sondern das Ergebnis einer Entwicklung. Die Bombe in Essen stammt aus dem Weltkrieg oder der Bombardierung durch die Alliierten. In der Türkei hat es auch eine Entwicklung gegeben, die das Risiko eines Anschlags erhöht hat. Das Land befindet sich gleich mehrfach im Krieg. In Syrien wie auch im eigenen Land, gegen die Kurden.

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren