Das Jahr der Barbarei

Das Jahr der Barbarei

Es gibt Tage, an denen möchte man lieber nichts hören und sehen. Tage, die ich persönlich bevorzugt fern von Nachrichten verbringe, eine Art kleine digitale Auszeit nehme. Auch wenn das nicht ganz zutrifft, denn hier im Blog gibt es trotzdem von mir etwas zu lesen. Mittlerweile schon traditionell klinke ich mich über die Weihnachtsfeiertage aus, schreibe in der Zeit eine Weihnachtsgeschichte. Zumindest mir tut das gut und m diesen Jahr hat es wohl auch einigen Lesern mehr gefallen als bisher — zumindest wenn ich die Zugriffszahlen als Maßstab nehme.

Der Wiedereinstieg in den „normalen“ Blogalltag hätte ich mir ungleich schön vorgestellt als mit dem, was gestern, heute und vermutlich auch noch eine ganze Zeit lang beschäftigen wird: Köln und das was in der Silvesternacht dort am Hauptbahnhof passiert ist.

monros / Pixabay

Gestern verfasste ich aus einem Impuls heraus einen Tweet:

So wie das neue Jahr anfängt bleibt zu hoffen, dass es in wenigen Tagen bereits wieder endet.

Mein Eindruck ist wirklich so. So wie es jetzt anfängt, verheisst es nichts Gutes. Die Übergriffe auf Frauen sind eine Sache. Eine andere ist das, was derzeit draus entsteht. Eine Lawine wurde losgetreten, die immer schwerer unter Kontrolle zu bekommen sein wird. Von den eigentlichen Vorfällen längst losgelöst hat sich eine Diskussion, die weitestgehend von einer enormen Aggressivität geprägt ist. Anstand im Umgang miteinander, auch wenn man anderer Meinung ist, scheint vergessen.

Man fällt wie im Zustand der Barbarei übereinander her, ohne Rücksicht auf Verlust wird versucht, für die eigene Sache zu punkten. Da sind diejenigen, die „es schon immer gewusst haben“ und Vorfälle zum Anlass nehmen, ihr rechtes Gedankengut zu verbreiten — und dankbare Abnehmer dafür weit in das so genannte bürgerliche Lager hinein finden.

Und es gibt anderer, die gar nicht schnell genug ihre Goldwaagen hervorholen können, auf die sie die Worte einer Oberbürgermeisterin legen, der sie von Anfang an mit Ablehnung gegenüber standen.

Henriette Reker ist erst wenige Wochen im Amt. Ihre Äußerung auf die Frage, wie Frauen sich vor Übergriffen am besten schützen können, mag sicher ungeschickt sein. Aber ernsthaft, was wäre denn als Antwort angemessen gewesen? Ist es vielleicht so, dass es auf die Frage, in der Situation, gar keine „richtige“ Antwort gegeben hätte? Spekulativ, sicher.

Eine Armlänge Abstand zu halten, hört sich auch für mich nicht nach einer besonders gelungenen Empfehlung an. Gleichzeitig muss ich aber gestehen, auch keine passende Antwort parat zu haben. Vieles kann man auch zu Ungunsten desjenigen auslegen, der es äußert. Den Shitstorm, der kurz drauf über Reker hereinbrach, hat sie mit Sicherheit nicht verdient.

Verhaltensregeln für Frauen, die sich nicht umformulieren lassen in „du bist selber schuld wenn du vergewaltigt wirst“ — gibt es die? Muss man sich als Bürgerin in diesem Land überhaupt in „korrekter Art und Weise“ verhalten, um nicht Opfer zu werden oder hinter dem Verdacht ausgesetzt zu sein, eine Teilschuld zu tragen? Lässt man sich auf die Beantwortung dieser Fragen ein, begibt man sich aufs Glatteis.

Um es an dieser Stelle mit aller Deutlichkeit zu sagen: die Opfer sind nicht selber Schuld. Der Täter ist immer der Täter. Sätze wie „sie / er hat das ja provoziert“ finde ich zum kotzen. In diesem Zusammenhang genau so wie in anderen, wenn es zum Beispiel um Mord geht.

Was Köln angeht, wäre es für uns alle Beste, mehr als nur eine Tasse Tee zu trinken. Besonnenheit und Sachlichkeit sind angebracht, statt zur Treibjagd zu blasen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren