Der fremde Tote, Teil 10

Der fremde Tote, Teil 10

Laute Musik schallte aus dem Radio des an der Bushaltestelle sitzenden Punkerpärchens. Alkohol, Nutten, Drogen oder Porsche Boxster — die Becher, mit denen sie um Spenden bettelten, waren sorgfältig beschriftet. Braun steckte einen Schein in den Becher für den Sportwagen wobei ihm nicht entging, das sich dort bereits einiges an Geld angesammelt hatte. Eine merkwürdige Welt. Auf der Anzeige wurde der nächste Bus angekündigt. Als er die Türen öffnete, stieg Braun ein ohne sich im geringsten für die Endhaltestelle zu interessieren. Sich einfach treiben lassen.

Auf dem Sitz neben ihn lag eine zerlesene Zeitung. In großen Buchstaben wurde auf der Titelseite über einen ehemaligen Fußballpräsidenten berichtet als ob dieser kurz vor der Heiligsprechung stehen würde. Eine Reihe vor Braun saß eine Frau im Pelzmantel. Ihr penetrantes Parfüm konnte den Schweißgeruch nicht überdecken. Selbst wenn sie darunter nichts tragen würde, wäre es im Bus immer noch zu warm für Pelz. Braun versuchte sich vorzustellen, die Frau vor ihm trüge tatsächlich nur einen Pelzmantel. Gerne hätte Braun ihr blondes falsches Haar berührt. Sein Gewissen hielt ihn aber von solchen Übergriffen zurück.

Mehrere Haltestellen später stieg die Frau aus, ohne sich umzudrehen. Ohne Gesicht blieb Braun zumindest die Illusion einer gut aussehenden Frau im passenden Alter erhalten. Die Frauenquote von Braun hätte sie in jedem Fall um hundert Prozent erhöht.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren