Ziehen Sie nicht über ESC

Ziehen Sie nicht über ESC

Trotz zahlreicher Bemühungen bin ich immer noch nicht meiner schlechten Angewohnheit entkommen, im Rahmen des nächtlichen Aufstehens auch noch E-Mails und Nachrichten am iPad zu lesen. Vor Monaten musste ich schon lernen, wie ungesund so was ist.

Einschlafen kann ich, es liegt auch nicht am blauen Licht. Eher an Dingen, die mich aufregen. Bei Facebook, in einer Mail oder ähnliches. Es gibt aber auch Gegenbeispiele, wie ich am vergangenen Wochenende feststellen durfte. Was die Nachrichtenlage an diesem Samstag insgesamt anging, war ich nahezu trocken. Der „Preis“, wenn man 12 Stunden konzentriert mit sechs weiteren Personen Mega Civilization spielt. Für mich ist das entspannend, so lange Zeit ohne Internet zu sein. Eine Art Offline-Urlaub, was ich sonst nie schaffe.

TheHilaryClark / Pixabay

Wie dem auch sei, erst in der Nacht kam ich dann, unterbrochen vom Schlaf, dazu, das Tagesgeschehen informationstechnisch zu verdauen. Und siehe da, es gab eine Meldung, die mich glückselig weiterschlafen ließ.

Der NDR hatte mitgeteilt, dass Xavier Naidoo nun doch nicht für Deutschland beim ESC singen dürfe. Über Geschmack, gerade auch Musikgeschmack, lässt sich streiten. Möglicherweise müsste ich auf Nachfrage sogar ein paar Lieder von Naidoo eingestehen, die auch mir gefallen. Darum geht und ging es in der Diskussion um Nominierung allerdings nicht.

Zwei Dinge sind mir und vielen anderen Mitmenschen ziemlich aufgestoßen. Zum einen die Art und Weise, wie Naidoo par ordre du mufti im Hinterzimmer des NDR auserkoren wurde. Klüngel nennt man das hier in Köln, was aber nur ein sehr harmlose Umschreibung für eine an sich hässliche Sache ist. Sicher gab es Gründe für diese Verfahren, dass will ich angesichts dessen, was in diesem Jahr passiert nicht abstreiten. Wir erinnern uns: der von den Zuschauern als Sieger aus dem Vorentscheid auserkoren Andreas Kümmert schmiss hin. So eine Blamage wollte man wohl vermeiden. Besonders dann, wenn man sich vergewissert, auf welchen Platz letztendlich der deutsche Beitrag beim ESC landete.

Das kümmert uns allerdings nicht weiter, denn viel entscheidender bei der Festlegung auf Xavier Naidoo waren seine politischen Ansichten. Sicher, man könnte hier den Standpunkt vertreten, so was sei Privatsache des Sängers. Ist es aber dann nicht mehr, wenn er sich öffentlich dazu äußert und seine Prominenz für die Sache nutzt. Zum Beispiel für die Sache der so genannten Reichsbürger. Eine Gruppierung, welche unter anderem die Souveränität Deutschlands leugnet und behauptet, unser Land wäre noch immer von den USA besetzt. Wer so einer Gruppierung nahesteht, hat aus meiner Sicht das Recht verwirkt, für Deutschland irgendwo aufzutreten.

Mindestens genau so schlimm finde ich die homophonen Anwandlungen von Xavier Naidoo so wie Äußerungen wie diese:

Bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim.
1999 in einem Interview mit dem „Musikexpress“

Auch wenn ich den ESC mittlerweile im Fernsehen nicht verfolge, nur ab und an etwas davon mitbekomme — so einen „Künstler“ will ich dort nicht für unser Land singen sehen. Das der NDR Naidoo eine Absage erteilte ist gut. Das er ihn überhaupt aufstellte, peinlich. Etwas Recherche hätte dem Sender einiges erspart. So ein Versagen sollte man hinterher auch nicht rechtfertigen, sondern einfach um Entschuldigung bitte. Aber so was ist deutlich schwerer als die Fehler bei andere zu suchen.

Nicht die Diskussion um die Teilnahme von Naidoo wäre für den ESC schädlich gewesen, wie Thomas Schreiber (NDR) behauptet, sondern die tatsächliche Teilnahme des Sängers.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren