Der letzte Schuss, Teil 2

Der letzte Schuss, Teil 2

Danneberg ging über eine Treppe in die erste Etage und öffnete die Tür eines der Hotelzimmer am Anfang des Ganges. Ein Geruch von Moder und Urin schlug ihm entgegen. Im Halbdunkel erkannte er ein kaputtes Bett, eine alte Matratze und abgerissene Tapeten. Auch nachdem er zum vernagelten Fenster gegangen war und eines der Bretter beiseite gedrückt hatte, hing dieser Duft noch in der Luft. Von diesem Platz aus hatte er einen guten Blick auf die Bahnsteige.

Die Regenwolken verzogen sich. Das prasselnde Geräusch der Tropfen verklang. Alles schien zu warten. Dann Schreie aus dem Tunnel, der zu den Bahnsteigen führte. Jemand stürmte die Treppe zu Gleis vier hoch. Hinter ihm Männer der Sondereinheit. Auf der letzten Stufe drehte sich die Person und zog etwas hervor. Danneberg konnte das Gesicht jetzt gut sehen. Holger Warms, der derzeit meist­ge­suchte Terrorist. Schüsse. Warms feuerte aus seiner Pistole und bewegte sich rückwärts weiter auf dem Bahnsteig. Der vorderste Polizist brach unmittelbar oberhalb der Treppe zusammen.

Ausgerechnet jetzt machte sich Dannebergs Blase bemerkbar. Das Bier kombiniert mit dem Stehen im Regen waren zu viel für sie gewesen. Er hätte vorher doch das Klo benutzen sollen.
Weitere Männer stürmten die Treppe hinauf, schossen auf Warms. Einer von ihnen zog den verletzten Polizisten hinter einen Pfeiler in Deckung. Mittlerweile war Warms an der Bahnsteigkante angekommen. Danneberg sah, wie er kurz innehielt. Dann wurde Warms in den Oberschenkel getroffen. Ein weiterer Schuss erwischte ihn direkt in den Bauch. Warms kippte nach hinten, von der Bahnsteigkante ins Gleis. Zwei Beamte liefen zu ihm hin. „Das war’s dann wohl“, dachte Danneberg und wandte sich kurz vom Fenster ab, um sich in seiner Not irgendwo in der Ecke zu erleichtern. Als er noch einen Schuss hörte, pinkelte er sich vor Schreck auf die Schuhe. Mit offener Hose stürzte er zurück ans Fenster. Die beiden Polizisten standen im Gleis, wo Dannberg auch Warms liegen sah. Woher der letzte Schuss gekommen war, konnte Danneberg nicht ausmachen.

Erst jetzt war es vorbei. Einer der Beamten auf dem Bahnsteig steckte sich eine Zigarette an. Jemand mit Verbandskasten kümmerte sich um den angeschossenen Polizisten. Was mit der Person im Gleisbett geschah, schien niemanden zu interessieren. Danneberg zog seinen Block aus dem Mantel und machte sich Notizen. Immer wieder schaute er aus dem Fenster um zu sehen, was sich auf dem Bahnsteig tat. Nach zwanzig Minuten hatte sich immer noch niemand um Warms gekümmert. Ein Rettungssanitäter mit Koffer wurde an der Bahnsteigkante aufgehalten. Der Beamte zeigte auf seinen verletzten Kollegen. Was er sagte, konnte Danneberg nicht verstehen. Der Sanitäter zuckte nur mit den Schulter und machte kehrt. Aus der Ferne konnte Danneberg einen sich nähernden Hubschrauber hören. Zeit seinen Platz zu räumen.

Beim Verlassen des Zimmers blieb er mit der Jacke an der Türklinke hängen. Nur ein kurzes Reißen, dann war er wieder frei. „Egal, nur raus hier“, ging ihm durch den Kopf. Dannberg nahm wieder den Weg über die Toiletten, die er auch diesmal nicht benutzen würde. Zumindest nutze er die Gelegenheit, um die Schuhe abzuwischen und sich die Hände zu waschen. Im Lokal war niemand. Danneberg drückte die Tür einen Spalt auf und schaute raus. Elvira stand am Absperrband. Ihre Stimme, mit der sie auf eine Ansammlung von Polizisten einredete, war nicht zu überhören.

„Wer bezahlt mir denn jetzt den Verdienstausfall, wenn das hier noch weiter abgesperrt bleibt?“

Der Moment, als der Hubschrauber auf dem Vorplatz landete, war ideal, um die Kneipe unbemerkt zu verlassen. Danneberg hastete zu seinem Wagen, der in einer Seitenstraße geparkt war. Auf der Rückfahrt hatte er die ganze Zeit das Gefühl, verfolgt zu werden. Aber jedes Mal, wenn er in den Rückspiegel sah, war da nichts.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren