Der letzte Schuss, Teil 1

Der letzte Schuss, Teil 1

Udo Danneberg stand auf der anderen Straßenseite und wartete im Regen, der durch das Dach der Bushaltestelle tropfte. Etwas stimmte nicht, das hatte er im Blut. Ohne seinen Instinkt wäre er nicht lange Jahre erfolgreicher Journalist gewesen. In Wirklichkeit hatte er einen Tipp bekommen. Erfolg konnte man das, was er bisher in seinem Leben gehabt hatte, auch nicht unbedingt nennen. Danneberg schrieb immer noch für ein Provinzblatt. Dennoch war er fest davon überzeugt, dass er heute endlich seine Story bekommen würde.

Schulterklopfen, Anerkennung, Henri Nannen Preis und großer Empfang. Zumindest war das die Hoffnung, an welche er sich ebenso wie an seine Tüte Gummibärchen klammerte. Mit einer Hand ließ er die letzten im Mund verschwinden. Schon wieder eine Tüte leer. Danneberg zog die Schultern hoch. Mittlerweile war der Mantel durchnässt, er fror und mit seiner Laune stand es nicht zum besten. Was, wenn er hier jetzt vergeblich gewartet hätte? Er gab sich Mühe, die Frage aus seinem Kopf zu bekommen, bevor er sich von seiner Unruhe antreiben ließ.

Danneberg schaute rüber zum Bahnhofsvorplatz. So wie es aussah, war der Tipp durchaus brauchbar. Immer noch trafen Mannschaftswagen der Polizei ein. Daneben noch weitere Fahrzeuge, die Danneberg nicht einordnen konnte. Wer daraus ausstieg, gehörte zur Speerspitze der deutschen Polizei. Der größte Teil verschwand im Bahnhof, einige wenige machten sich daran, den Vorplatz abzusperren.
Danneberg überquerte die Straße und wollte den Bahnhof betreten.

„Tut mir leid, sie können hier nicht weiter.“

Einer der Uniformierten versperrte ihm den Weg.

„Hören sie, ich muss meine gehbehinderte Mutter vom Zug abholen. Aber wenn ich jetzt nicht hier durch kann, dann finden sie doch sicher einen Kollegen, der das für mich übernimmt.“

Der Polizeibeamte sprach per Funk kurz mit jemanden aus der Einsatzzentrale.

„Nichts zu machen. Warten sie drüben in der Gaststätte bis die Streckensperrung aufgehoben ist. Vorher wird ihre Mutter nicht hier sein.“

Danneberg zuckte mit den Schultern und ging in die Richtung, in die der Polizist gewiesen hatte. Ein längst insolventes Hotel, in dessen Anbau eine Kneipe lag, die noch nicht geschlossen worden war. Der Anblick war kein Aushängeschild für die Stadt. Im Lokal schaute er sich nur kurz um. So wie es aussah, war er heute der einzige Gast. Elvira, die Besitzerin des Lokals, stand an dem Tresen und trocknete gelangweilt Gläser ab.

„Na Schätzchen, wenig los heute, was?“

Elvira lächelt ihn an und schaute ihm direkt in die Augen.

„Wie immer?“
„Wie immer.“

Kurze Zeit später hatte sie ihm ein nachlässig aus der Flasche gekipptes Pils hingestellt. Danneberg wusste, dass sie viele Talente hatte, aber zur Wirtin war sie einfach nicht geboren. Schweigend kippte Danneberg sein Bier runter. Er legte ein paar Münzen neben das Glas und steuerte auf die Toiletten zu. Im hinteren Bereich gab es noch eine Stahltür, die in das Hotel führte. Man brauchte nur an der richtige Stelle etwas drücken, schon stellte das Schloss kein Hindernis mehr da.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren