Anschlag auf die Demokratie

Anschlag auf die Demokratie

Für einen kurzen Augenblick ist es so, als bliebe die Zeit stehen. Man hält den Atem an, während man die Schlagzeilen liest. „Messer-Attacke auf OB-Kandidatin Henriette Reker“. Dem Wahlkampf in Köln wurde heute ein neues, besonders trauriges Kapitel hinzugefügt. Die Fakten, soweit bekannt: Die Kandidatin wurde an einem Wahlkampfstand in Köln Braunsfeld gegen 9 Uhr heute von einem 44 Jahre alten Mann mit einem Messer verletzt.

Ob er in den Bauch stach oder den Hals traf, wie der Kölner Stadt-Anzeiger schreibt, ist dabei zunächst nebensächlich. Wichtig ist nur, dass Frau Reker, die in der Kölner Uni Klinik behandelt wird, mittlerweile außer Lebensgefahr ist. Neben ihr wurden noch vier weitere Person verletzt, die versucht hatten, den Täter zu überwältigen. Die Kölner Parteien setzen zunächst den Wahlkampf aus. Zudem gab es eine spontane Solidaritätskundgebung aller Parteien.

Nach bisherigem Informationsstand soll die Wahl nach wie vor Morgen stattfinden. Man würde so was nur verschieden, so die Verwaltung, wenn ein Kandidat oder eine Kandidatin tatsächlich versterben würde — man kann so was pietätlos finden.

Über den Täter wurden bereits Details in den Medien bekannt gegeben. Es soll sich um einen Deutschen handeln, dem ein fremdenfeindliches Motiv nachgesagt wird. So soll er angeblich gerufen haben:

Ich rette den Messias. Die Gesellschaft muss vor solchen Leuten geschützt werden.

Auch soll von ihm die Äußerung stammen:

Ich habe das für euch getan!

Für uns? Für mich auf gar keinen Fall! Ein Mordanschlag auf einen Politiker ist für mich keine Meinungsäußerung, sondern eine feige Tat. Etwas was sich gegen unsere Demokratie und gegen uns alle richtet. Es ist, und das kann man so in aller Deutlichkeit sagen, ein Anschlag auf unsere Demokratie. Die von Jochen Ott geäußerte Betroffenheit ist echt, genau so wie die Solidarität anderer Politiker. Es hätte jeden treffen können.

Anschläge auf Politiker sind kein Phänomen aus dem Ausland, sondern auch in Deutschland immer wieder bittere Realität. Oskar Lafontain, Wolfgang Schäuble – spontan fallen mir diesen beiden ein, die auch Opfer wurden. Schäuble erwischte es so schwer, dass er seit dem an den Rollstuhl gefesselt ist.

Noch mal zurück zum Täter, immer weitere Information sickern durch. Es soll sich um einen arbeitslosen, alleine lebenden Maler und Lackierer aus Nippes handeln. Nach seiner Tat habe er an Ort und Stelle auf die Polizei gewartet und keinerlei Widerstand geleistet.

Den fremdenfeindlich Hintergrund, welchem ihm derzeit nachgesagt wird, kann ich nur schwer nachvollziehen. Sicher, Frau Reker ist als Sozialdezernentin in Köln für die der Stadt zugewiesenen Flüchtlinge zuständig — abgesehen davon warf ihr man ja vor, ihr Amt für den Wahlkampf vernachlässigt, sich also nicht genügend um Flüchtlinge gekümmert zu haben.

Mir erscheint der Täter schlecht informiert. Geistig verwirrt, vielleicht. Möglich, dass er nur aus einer spontanen Wut heraus gehandelt hat. Unzufrieden mit seiner eigenen Lebenssituation, auf der Suche nach Anerkennung. Fremdenfeindlichkeit als Schutzbehauptung, um quasi als Trittbrettfahrer Aufmerksamkeit zu erlangen.

Als Bürger stellt man sich die Frage, was man jetzt machen kann, machen soll. In jedem Fall wählen gehen! Den Feinden der Demokratie, wo immer sie herkommen, klare Kante zeigen. Wir stehen hinter unseren Politiker, selbst wenn wir nicht immer mit ihrem Kurs einverstanden sind.

Henriette Reker wünsche ich ganz persönlich viel Kraft und eine schnelle Gesundung. Köln wird sie als neue Oberbürgermeisterin brauchen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren