Prinzessin auf dem zweiten Platz

Prinzessin auf dem zweiten Platz

Wir waren am Sonntag gerade auf dem Weg zur geplante Weinverkostung, als uns auf der Bürgersteig an der Neusser Straße eine Prinzessin auf einem Kickboard entgegen kam. Geschätzte acht Jahre alt war sie und trug, wie es sich für eine Prinzessin gehört, eine silberne Krone.

Eine Krone aus Pappe und das Mädchen kam vermutlich gerade von einem Kindergeburtstag oder einer anderen Veranstaltung. Normalerweise wäre die kurze Begegnung nicht weiter erwähnenswert, doch auf der Krone stand etwas. Liebevoll aufgeklebt mit Buchstaben und einer Zahl war schon von weitem zu lesen:

  1. Platz

Das Mädchen sah nicht unglücklich aus, trug ihre Krone auch mit einem gewissen Stolz — soweit man das in der Kürze es Moments beurteilen kann. Vielleicht bewerte ich das selber über, aber ich hatte ein merkwürdiges Gefühl angesichts der Krone. Nur zweite geworden, bei was auch immer. Zu mehr hat es nicht gereicht. Was ging dem Mädchen wohl durch den Kopf, als es mit der Krone unterwegs war? Hat sie bereits genügend Selbstbewusstsein entwickelt, um damit umzugehen? Was wir später aus ihr?

Antranias / Pixabay

Es kann sein, dass sie völlig unbeschwert von den Fragen einfach nur einen schönen Tag hatte. Vielleicht sogar stolz darauf war, immerhin den zweiten Platz errungen zu haben. Nicht oft im Leben gibt es Situationen, wo man sich darüber freuen wird, zweiter geworden zu sein. In der harten Realität ist nur zu oft derjenige auf dem zweiten Platz der erste Verlierer. Früh lernen wir, uns nicht mit dem zweiten Platz zufrieden zu geben. Uns wird eingeimpft, immer ganz nach vorne zu kommen. Was das kostet oder aus uns macht, ist dabei erstmal unwichtig — solange man auf den ersten Platz ist.

Zweiter Platz. Wer so eine Krone trägt, ist stigmatisiert. Oder hat bereits eine wichtige Lektion gelernt. Man muss nicht ganz vorne mitspielen, um glücklich zu sein. Der zweite Platz ist genau so in Ordnung wie der dritte. Dennoch. Eine Urkunde, die lediglich die Teilnahme bescheinigt, nagt am Selbstwertgefühl. In einer anderen Gesellschaft würde das vielleicht anders aussehen, aber hier bei uns ist „teilgenommen“ etwas für Verlierer — was mir persönlich überhaupt nicht gefällt.

Viele Gedanken für so eine kurze Begegnung. Mir blieb dieses Bild, das Mädchen mit der Krone, jedoch im Kopf. Dabei versuchte ich mir auch vorzustellen, wie das bei mir früher war. Auf den Kindergeburtstagen gab es zwar Preise, aber keine Kronen. Jeder bekam etwas, mit dem er nach Hause ging. Nichts wirkte wie ein Trostpreis.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren