In Vertretung für

In Vertretung für

Das Wochenende. Ziemlich durchgerauscht diesmal, drei Veranstaltungen an drei Tagen. Immerhin schaffte ich es gestern noch, den frühen Nachmittag zu nutzen um endlich meine neue Kamera (Sony a 6000) auszuführen. Vier Wochen nach dem Kauf der erste Feldeinsatz. Immerhin, das Wetter zeigte sich von seiner schönsten Seite. Die Bilanz am Ende: 262 Fotos. Natürlich der übliche Ausschuss, aber auch ein paar Perlen. Nun denn, ich wollte eigentlich gar nicht darüber schrieben und auch nicht über den weiteren Verlauf des gestrigen Sonntags. Sondern über den Samstag, denn dann ergibt die Überschrift auch einen Sinn.

tpsdave / Pixabay

Bisher hatte ich noch nie etwas vom Dachverband Kritischer Aktionäre gehört. Möglicherweise liegt das auch dran, dass ich wie die meisten von uns in der eigenen, ganz persönlichen Filterblase lebe. Vor über einem Monat fragte mich mein Vater, ob ich am 26. September schon etwas vor hätte. Er sei verhindert und würde gerne mich in Vertretung zu Jahrestagung 2015 des Dachverbands schicken. Im sonst vollen Kalender war dieser Samstag schicksalhafter Weise noch frei, also sagte ich zu — ohne überhaupt zu wissen, was da genau passieren würde.

Statt am Vormittag den üblichen Wochenendeinkauf zu erledigen, machte ich mich als am vergangen Samstag auf den Weg zur Melanchton Akademie in Köln (noch ein Punkt, warum mein Vater mich als Vertreter auserkoren hatte, schließlich ist Köln ein Heimspiel für mich). Unwissenheit ist keine Entschuldigung, aber ging wirklich ernsthaft davon aus, bei der Melanchton Akademie würde es sich um einen katholischen Veranstaltungsort handeln — als Protestant erwartet man fast nichts anders in der Domstadt Köln. Natürlich ist die Melanchton Akademie eine Einrichtung des Evangelischen Kirchenverbands, was mir als in der Diaspora lebenden Protestanten schon mal ganz gut gefiel. Wenn der Anfang gut ist, so meine optimistische Einstellung für den Tag, kann der Rest schon gar nicht mehr so schlimm werden.

Auch meine Befürchtungen, es gäbe Probleme mit der Einladung, erweisen sich als unberechtigt. Sogar auf den Namensschildern stand mein Vorname drauf. Es wurde sich also wirklich vorbildlich gekümmert. In der Vorstellungsrunde gleich zu Beginn stellte ich mich so vor, wie es sich gehörte: als Sohn meines Vaters, der als Vertretung an der Veranstaltung teilnehmen würde. Mein erster von insgesamt zwei Redebeiträgen im Plenum. Meine Schweigsamkeit an diesem Tag muss ich wohl auf die ungewohnte Situation zurückführen. Das ganze Thema war für mich absolutes Neuland, ebenso wie das was im Rückblick von Claudia Fatzkämper und anderen berichtet wurde.

Mit Sicherheit habe ich irgendwann während meiner Schullaufbahn im SoWi-Unterricht gelernt, dass Aktionäre ein Recht auf Information haben. Unter anderem auch, Jahreshauptversammlung den Vorstand zu entlasten. Das man dieses Recht als Hebel für ganze andere Zwecke nutzen kann, war mir allerdings unbekannt. Über Aktien an ein Rederecht auf der Jahreshauptversammlung zu kommen und so kritische Bezug nehmen können zu Geschäftspolitik eines Konzern, ist eine verdammt gute Idee.

Den Erfahrungsbericht aus El Salvador von Markus Dufner fand ich beeindruckend. Klar wusste ich um die ungerechte Bezahlung und die miesen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. So was aus erster Hand zu hören, ist noch mal was ganz anderes. Mir stellte sich beim zuhören die Frage, wie man in Bezug auf kleine Textilkooperativen den Zwischenhandel ausschalten und Produkte in Europa verkaufen könnte. Ein Projekt für einen Onlineshop? Für Kickstarter? Möglicherweise, so mein Gedanke, müsste in den sozialen Medien noch mehr Lobbyarbeit erfolgen.

Während der offenen Debatte am Nachmittag beschäftigte mich dann die Überlegung, ab wann man ein gutes, zufrieden stellendes Leben führt. Und ob Gier und das Verlangen nach mehr Einkommen, nach gesteigerten Konsum nicht wie ein Beschleuniger für die Probleme in der Welt wirken. Worin besteht eigentlich die Leistung der sogenannten Leistungsträger? Warum erhielt jemand wie Winterkorn zuletzt ein Jahreseinkommen von 16 Millionen Euro? Und vor alle: was zu Hölle macht man als Mensch mit so viel Geld?

Gelernt habe ich diesem Tag den Unterschied zwischen Legal und Legitim. Konzerne werden immer im Rahmen der legalen Möglichkeiten handeln, was erfordert, ihnen auf die Füße zu treten. Kritische Aktionäre, so mein Eindruck, können hier das gute Gewissen eines Unternehmens sein. Welche Auswirkungen das dann hat, liegt an uns, den Verbrauchern.

Man muss raus aus der Nische kommen. In Bezug auf die Textilindustrie bedeutet das, gerade auch die Jugendlichen zu erreichen, die zum Beispiel bei Primark einkaufen. Das geht meiner Meinung nach über die sozialen Medien als Plattform. Daher erklärte ich mich dann in der Abschlussrunde bereit, auf diesem Feld zu unterstützen.

Hinterher kam mir dann der Verdacht, mein Vater habe mich ein Stück weit genau in diese Richtung schubsen wollen. Nun denn, verkehrt ist das auf jeden Fall nicht.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren